Resilienz

Die Arbeitsverdichtung in unserer Berufswelt (und auch Gesellschaft) nimmt immer mehr zu, trotz effektiverer Vernetzung nimmt der Workload immer mehr zu uns die menschlichen Ressourcen bleiben weiterhin beschränkt. An unserem „Arbeitsspeicher“ hat sich seit Beginn der Menschheit nicht viel verändert, aber die Ansprüche und Anforderungen an uns haben sich allein in den letzten 50 Jahren elementar verändert.  Die Häufigkeit von Burn-out und Depression schnellen nach oben, auch ich mußte meine Grenzen schon schmerzlich kennen lernen.

 

Was ist nun Resilienz? Unter Resilienz verstehe ich persönlich und vereinfacht die Widerstandskraft auf äußere Einflüsse. Wir kennen Menschen aus unserem Umfeld, die berappeln sich innerhalb kürzester Zeit egal was auf sie einwirkt während Andere lang oder sogar dauerhaft damit zu kämpfen haben.

 

Es gibt wissenschaftlich nachweislich einige effektive Ansatzpunkte, wie man seine Resilienz verbessern kann, ein paar Themen will ich hier vorstellen. Es gibt auch noch nicht wissenschaftlich belegte Ansätze, hier gilt in meinen Augen „wer heilt hat Recht“ und jeder soll machen was ihm gut tut, so lange er Andere damit nicht schädigt.

 

Rückblick: Seiser Alm Halbmarathon

Ich wurde schon gefragt, warum man denn so lange schon nichts mehr Neues von mir auf dem Blog gelesen hat.  Es hatte zwar auch seinen Grund, aber man braucht sich dennoch keine Sorgen machen.

Zum Einen versuche ich in der Praxis richtig Gas zu geben und mich in der Allgemeinmedizin zu etablieren. Zusätzlich absolviere ich noch mehrere Notarztschichten pro Woche, um mich auch weiterhin in der Notfall- und Akutmedizin aktuell, routiniert und auch praktisch fit zu halten. Zum Anderen hatte ich beim letztjährigen Seiser Alm Halbmarathon schon den Entschluss gefasst auch 2019 daran teil zu nehmen. Im Winter habe ich mich dann auch gleich motiviert angemeldet, doch in den kommenden Monaten war dann nicht viel mit Training... vorgeschobene Gründe gab es genug: Schlechtes Wetter, Jobwechsel, ein paar Befindlichkeitsstörungen wie Erkältungen etc. und grundsätzlich mangelnde Zeit für Sport, nicht zuletzt auch aufgrund meiner vielfältigen weiteren Projekte. Und schwups war ich dann so füllig wie noch nie und Kraft sowie Ausdauer waren am Boden. Den Freiburg Halbmarathon hatte ich eh schon ausgelassen, da ich vermutlich sowieso nicht ins Ziel gekommen wäre.

Aber für den Seiser Alm Halbmarathon hatte ich mich schon incl. Trainingslager und Hotel angemeldet. Meinen Schwiegervater hatte ich auch bereits aktiviert mit seinem Mountainbike mit auf die Alm zu kommen.

Mit der Zeit kam nun die eigentlich wunderschöne Veranstaltung bedrohlich nahe und so gelang es mir endlich aus dem Alltagstrott heraus zu treten und mich zum Training zu motivieren. Doch wo zuerst anfangen? Gewicht und somit die Belastung für den Körper reduzieren... oder sich allein auf die Ausdauer fokussieren.... oder versuchen mit Kraft die Steigungen versuchen zu meistern.... oder mit Schnelligkeit auf den ebenen/abschüssigen Streckenabschnitten Boden zu gewinnen...??? Eigentlich in der knappen Zeit die Quadratur des Kreises und auch nicht ernsthaft abschließend zu schaffen: Dennoch versuchte ich an mehreren/allen Stellschrauben gleichzeitig an zu setzen. Ich stellte meine Ernährung um (weniger Kalorien, dafür mehr Proteine, "allgemein gesündere Lebensmittel") um Gewicht zu reduzieren, aber dennoch genug Energie für Trainingseinheiten zu haben. Ich legte mir noch ein paar gute Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke für Bergläufe/Trailrunning zu (um die Motivation zu erhöhen) und staubte die Trainingsgeräte bei uns im Keller ab. Gar zu viele Trainingseinheiten waren es schlußendlich nicht, aber dennoch freute ich mich auf die Tage in Südtirol. 

Am Hotel Steger Dellai angekommen bekam ich Gänsehaut und die Augen wurden feucht: Ich merkte, dass mir die Alm aufgrund der vielen früheren schönen Erlebnisse dort (auch vom Vigilerhof aus) sowie die atemberaubende Landschaft an sich wirklich viel bedeutet. Und es war der Startpunkt für sechs Tage, in denen ich mich intensiv mit mir selbst (körperlich wie geistig) und dem Sport beschäftigen konnte. Es folgten drei effektive Trainingstage mit der Laufgruppe incl. Trainerbetreuung und zusätzlichen Mountainbike-Touren mit meinem Schwiegervater durch die wunderbaren Dolomiten. Ich verbrachte viel Zeit in der Wellness-Anlage mit Sauna etc. und versuchte (erfolgreich) das hervorragende Essen zu genießen und mich gleichzeitig auch gesund zu ernähren. Am Sonntag war dann schließlich der Wettkampftag: Zunächst hatte ich ziemliche Magen-Darm-Beschwerden und konnte den Lauf nur schwer genießen, was sich dann aber glücklicherweise legte. Es zog dann ein Gewitter auf, was aber im letzten Moment abdrehte und wir Läufer daher trocken blieben - Glück gehabt. Zum Ende der Strecke fühlte ich mich gut aber war muskulär erschöpft - kein Wunder bei dem Trainingsrückstand. Ich brachte den Lauf gut gelaunt und entspannt zu Ende, denn schließlich stand ja gemäß des Spruchs nicht das Ergebnis sondern das Erlebnis im Vordergrund. Erst im Nachhinein habe ich nach der Zeit vom Vorjahr gesehen und durfte feststellen, dass ich nur drei Minuten langsamer war, mich aber dafür gut fühlte.

Anschließend entspannte ich mich nochmal in der Sauna und genoß das Abendmenü, was gleichzeitig das Geburtstagsessen meines Schwiegervaters war. Am nächsten Tag ging es dann erholt und entspannt zurück nach Hause.

Abgerundet wurden die erlebnisreichen Tage dadurch, dass ich ein paar der DSV-Biathletinnen im Hotel treffen durfte und so einen kleinen Einblick in den Profi-Ausdauersport bekommen konnte.

Aber warum schreibe ich hier vom "Abenteuer des kleinen Mannes"? Schließlich gibt es doch wahrlich wildere Sportveranstaltungen, bei denen man über einen Halbmarathon nur lacht.

Ich greife es hier im Blog auf, weil ich mal wieder daran erinnert wurde wie wichtig und ausgleichend es ist sich sportlich (wie auch immer) zu betätigen und es eigentlich keine Ausrede gibt "auf der faulen Haut zu liegen". Nicht nur körperlich, sondern auch mental ist eine sportliche Aktivität sehr wichtig. Man wird ausgeglichener, achtsamer und im wörtlichen Sinne "selbstbewußter". Daher blicke ich extrem dankbar auf die letzten Tage zurück und danke auch von Herzen meiner Familie, dass sie mir diese Auszeit ermöglicht haben.

Nochmal meine Lehren kurz und knapp für mich und Andere:

1.) Es ist wichtig sich auch mal zu überwinden und sich durch zu beißen, selbst wenn es nicht einfach ist, im Training wie im Wettkampf.

2.) Man braucht auch keine Wettkämpfe bestreiten, sie helfen jedoch in meinen Augen sehr sich auf das Ziel zu fokussieren.

3.) Jedes Training hat einen Effekt und ist daher wichtig.

4.) Gerade in den Entspannungsmomenten ist es mir wichtig in mich zu gehen und sich Gedanken zu machen, die sonst schnell im Alltag unter gehen.

5.) Manche mögen belächeln, wenn dieser dicke alte Sack schnaufend durch die Gegend tigert, aber es ist mir egal. Damit mach ich zumeist mehr Gutes für mich als meine Kritiker für sich selbst. Es ist für mich viel mehr eher ein Ansporn und Motivation weiter zu machen. Es stellt sich mir aber auch die Frage, wie es wohl wäre besser trainiert und leichter an solch einem Wettkampf teil zu nehmen. 

6.) Auch beruflich will ich nun neue Bereiche erkunden: Gesundheitskompetenz hatte ich mir ja schon vorher auf meine Agenda geschrieben, nun will ich auch auf den Bereichen Sport- und Ernährungsmedizin dazu lernen. Mal schauen wohin dieser Weg führt.

7.) Keine Sorge, ich will der Notfallmedizin nicht entsagen, diese ist weiterhin meine Passion und dabei bleibt es. Aber gerade hierfür ist eine körperliche Fitness und eine ausgeprägte Resilienz sehr wichtig - beides kann ich aus dem Sport ziehen. Es ist beim ganzen sozialen Engagement auch wichtig nach sich selbst zu schauen, nur so kann man dann leistungsfähig bleiben/sein/werden. Daher kann ich nur jedermann aufrufen sich nach seinen Möglichkeiten und Interessen sportlich zu betätigen. Es ist nie zu spät, höchstens ist der Weg länger und man sollte sich realistische und bescheidene Ziele setzen. Dabei lernt man dann auch viel über seinen Körper und seinen Geist (wie auch immer man diesen definiert).

8.) Wir sind uns selbst schuldig ernsthaft und strebsam auch für uns selbst was zu tun, dies hat nichts mit Egoismus, sondern vielmehr mit Selbstachtung zu tun.

9.) Ich schäme mich meiner z.T. recht unvorteilhaften Bilder in diesem Blogbeitrag nicht, sondern bin vielmehr stolz auf sie, denn ich habe die Herausforderung angenommen und bin auch ohne gestählten Körper angetreten. Dadurch hatte ich meinen ganz eigenen persönlichen Erfolg, die Zeit spielte da für mich wirklich keine Rolle.

 

Also, nun wißt ihr warum es in der letzten Zeit recht ruhig um mich war. Es war jedoch eine wertvolle Zeit für mich und ich will mir auch weiterhin meine (sportlichen) Freiräume nehmen. Trotzdem will ich auch künftig wieder mehr und viel notfallmedizinisch von mir hören lassen.

 

Packen wir es an, sportlich wie beruflich, ich bin hoch motiviert!

 

http://running.seiseralm.it/de/halbmarathon.html

 

https://www.seiseralm.it/de/urlaub-in-den-dolomiten.html

 

https://www.hotelsteger-dellai.com

 

https://www.vigilerhof.it/de/

 

https://www.facebook.com/blacksheepactive/

 

https://www.deutscherskiverband.de/leistungssport_biathlon_athleten_de,1073.html

 

https://gz-todtnau.de/index.php/home/veranstaltungen-gesundheitszentrum

Ein persönliches Großereignis wirft seine Schatten voraus

Ich bin meinem Freund Wolfgang unendlich dankbar, dass wir gemeinsam dieses Buchprojekt aufgegleist haben. Es hat zwar ordentlich Arbeit gemacht, wir durften aber dadurch auch sehr viel lernen und daher hat sich die Mühe schon jetzt gelohnt. Wenn es nun noch den Lesern gefällt und auch sie durch die Lektüre etwas lernen können, geht unser Plan komplett auf.

Noch wenige Wochen, dann kann man das Buch zu einem wie ich finde sehr attraktiven Preis für ein Fachbuch in Händen halten.

Ich werde dann erneut berichten, wollte aber schon jetzt die Vorfreude mit Euch teilen.

Weitere Informationen im Link und im angehängten Flyer:

https://www.springer.com/de/book/9783662564745#

 

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Gedanken zu Burnout, Resilienz & Co

Gerade hört man wieder viel über Burnout, Resilienz & Co in allen Bereichen, auch und insbesondere in der Akutmedizin. Die Meldungen zu Krankheitsausfällen, Burnout, Depression bis hin zu hohen Suizidalitätsraten sind erschreckend und Ausdruck von großem Leid. Daher will ich auch mal wieder gezielt einen Beitrag hierzu schreiben und weiter geben, was mich in diesem Bereich aktuell beschäftigt:

 

Auf ARTE gab es eine extrem interessante Reportage hierzu aus einem Pariser Krankenhaus, ich ziehe den Hut vor den Kollegen, die sich in dieser schwierigen Zeit begleiten ließen. Man kann hier leider wie im Lehrbuch alle Phasen und Ausdrucksformen des Burnouts gut erkennen und erfahren, daher lohnt es sich in meinen Augen auch wirklich den ganzen Film an zu sehen, auch wenn er zwischenzeitlich etwas langatmig anmutet. Mir schwirren derzeit Ideen im Kopf herum, wie man bezugnehmend auf diesen Film ein Fortbildungskonzept zu Burnout und Resilienz basteln könnte, mal schauen was draus wird... hätte denn jemand Interesse für seine/ihre Abteilung? Dann bitte bei mir melden. Hier der Link zum Film:

ARTE-Reportage "Ausgebrannt - Kollaps im Krankenhaus"

 

Es gibt aber auch kritische Töne zu den Resilienz-Trainings, wie sie oft, aber scheinbar ineffektiv, angeboten werden. Hier ein interessanten Beitrag hierzu aus Südafrika auf "Medicalbrief":

Forget 'resiliency training' for doctors - the entire system needs to change

Auch hier werden traurige Verhältnisse in der Akutmedizin beschrieben, wie sie weltweit, und nicht nur in Südafrika, Tatsache und nicht traurige Fiction sind. Die Verfasser stellen nicht Burnout, Depression etc. in Frage, sondern lediglich die oft angebotenen scheinbaren "Wundermittel" der Resilienz dagegen, die aber nicht angenommen und umgesetzt werden können. Auch wenn ich nicht ganz die Meinung zu den Resilienztrainings teilen kann, so lasse ich mir doch den Tenor des Beitrags sagen. Ich vermute dahinter einen hohen eigenen Leidensdruck und Resignation gegenüber der in diesem Fall wohl unangemessenen und somit wirkungslosen Resilienztrainings. Und es stimmt natürlich, würde man das System nachhaltig verändern, müßte man nicht so viel in Resilienztrainings etc. investieren. Aber es wird wohl nicht reichen sich nur für einen Systemwandel ein zusetzen, denn dieser kann bei allem guten Willen nur mittel- und langfristig erfolgen. Man muss auch parallel dazu und kurzfristig an der eigenen Resilienz arbeiten um nicht unter die Räder zu kommen.

 

Auch auf meinem Lieblingsblog zur innerklinischen Notfallmedizin Pincast haben sich meine geschätzten und von mir bewunderten Kollegen Dr. Tobias Becker und PD Christian Hohenstein zu diesem Thema geäußert. Sie erläutern das große Problem sehr praxisnah und gut verständlich, zeigen aber auch gute erste Schritte auf: Die Akzeptanz dieses Problems steigt und es gibt mehrere gute Kampagnen und Initiativen herzu, beispielsweise auch bei der DIVI.

DIVI-Initiative "Perspektive Resilienz"

Ich bin schon sehr gespannt was sich hieraus und aus anderen Bemühungen ergibt und mir wäre es ein Ehre meinen Beitrag hierzu leisten zu dürfen.

 

Mein Lieblingsthema und Steckenpferd ist ja zwar eigentlich die Verbesserung der eigenen Performance (Performance Improvement), aber ich denke man kann sich eigentlich erst richtig damit beschäftigen, wenn man durch eine gute persönliche Resilienz die Gefahr durch Burnout & Co eingedämmt hat. Es gibt allerdings einige lohnende und somit wertvolle Schnittmengen zwischen Resilienz und Performance, die man gezielt ausnutzen sollte.

 

Bevor ich meine Gedanken weiter spinne, was ich zu diesen Themen beitragen kann, und diesen Beitrag beende, möchte ich ein paar wichtige Dinge nochmal festhalten:

1.) Das Problem ist groß und real, wir müssen es akzeptieren und anerkennen. Es ist nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel.

2.) Burnout ist keine Schwäche der Person und es kann jeden und jederzeit erfassen, wenn die Belastung  zu hoch (unmenschlich) wird. Es ist eine natürliche und menschliche Reaktion, für die man sich nicht schämen muss.

3.) Burnout ist ernst zu nehmen und in der Hinsicht gefährlich, da sich daraus eine Depression etc. entwickeln kann.

4.) Der Begriff des Burnouts darf aber auch nicht missbraucht werden, es ist nicht mit einer physiologischen Erschöpfung zu verwechseln.

5.) Resilienzfaktoren sind trainierbar!

 

Jeder aktive, motivierte und sehr engagierte Mensch ist gefährdet, und somit sehr viele von uns "in der Szene". Es ist nicht ein Problem der "Faulen". Keine Sorge, die brennen nicht so schnell aus....

 

Ich persönlich bin extrem froh und dankbar, dass ich für mich aktuell einen guten Weg gefunden habe mein Risiko zu senken und dennoch selbstbestimmt sehr aktiv zu sein. Es war aber nicht immer einfach und ich neige auch dazu den Bogen zu überspannen, Risikobewußtsein ist hier angesagt!

 

Gebt auf Euch acht, nichts anderes ist mit Achtsamkeit gemeint, oder wie man in der Schweiz so schön sagt "heb der Sorg".

 

Das Gefühl der Machtlosigkeit

Machtlosigkeit klingt komisch, denn ich bin kein machtorientierter Mensch. Hilflosigkeit ist aber auch nicht richtig, denn ich hatte ja das Gefühl zu wissen, was zu tun sei, aber ich konnte mich nicht argumentativ durchsetzen.

 

Zunächst zur Situation an sich: Ich bekomme als Notarzt den Auftrag eine Patientin von einem peripheren Krankenhaus ins Zentrum zu verlegen. Im abgebenden Krankenhaus bekomme ich eine gut achtzigjährige Ordensschwester vorgestellt, die neben einer ganze Latte an schwer wiegenden Vorerkrankungen nun einen abdominellen Aortenverschluss erlitten hat. Beide Beine sind marmoriert und kalt, es lässt sich keine Durchblutung mehr nachweisen. In meinen Augen ist in Zusammenschau mit den Vorerkrankungen incl. einer Schlaganfallsymptomatik seit zwei Tagen die Prognose infaust und die Patientin bereits sterbend. Sie ist maximal schmerzgeplagt und ängstlich. Die Schwester-Oberin ist als Vorsorgebevollmächtigte zusammen mit einer weiteren Ordensschwester anwesend. Die Dienstärztin Innere Medizin hat mit dem Gefäßchirurgen im Zentrum die Übernahme zur notfallmäßigen offen-chirurgischen Versorgung besprochen. Obwohl die Kollegin drängt bitte ich Alle bis auf die Patientin und die beiden sichtlich besorgten Ordensschwestern aus dem Patientenzimmer. Ich sage, dass ich als Transportbegleitung hinzugerufen wurde, mir aber größte Sorgen mache, ob das geplante Procedere mit dem hohen perioperativen Risiko überhaupt im Sinne der Patientin sei. Die beiden betreuenden Ordensschwestern sind schockiert über den hohen Leidensdruck ihrer Mutschwester und möchten alle Massnahmen der Linderung in Anspruch nehmen. Ausführlich erläutere ich das vorgesehene Procedere mit den damit verbundenen hohen Risikos des perioperativen Versterbens. Die Schwestern bringen im Namen ihrer Mitschwester, welche bereits somnolent und somit nicht mehr kontaktierbar ist, den Wunsch der Leidenslinderung zum Ausdruck. Ich erläutere daraufhin die Möglichkeit der Therapiezieländerung hin zu einer palliativen Zielsetzung und durchgehenden geistlichen Betreuung durch die Mitschwestern. Diese zeigen sich erleichtert und sind sich sicher, dass auch die Patientin diesen Wunsch hätte, wenn sie noch selbständig entscheiden könnte. Ich bitte daraufhin die Dienstärztin hinzu und berichte ihr von der Bitte der Anwesenden um eine palliative Versorgung und Sterbebegleitung vor Ort, weiter biete ich meine Hilfe an ein verbindliches aber humanes Procedere für die Pflegekräfte fest zu legen. Für mich völlig überraschend lehnt die Dienstärztin eine palliative Versorgung und Sterbebegleitung ab und besteht auf eine nun endlich rasche Verlegung zur lebensrettenden OP. Die Schwester-Oberin und die begleitende Ordensschwester schießen daraufhin die Tränen in die Augen und sind völlig verunsichert, weil sie nicht wissen, wem und was sie glauben sollen. Ich ordne daraufhin die Transportvorbereitungen an, muss jedoch selbst kurz an die frische Luft, weil mich die Emotionen überkommen. Ich habe den Eindruck, dass ich der Patientin mit dieser Entscheidung maximales Unrecht antue. Leider können die Ordensschwestern den Transport ihrer Mitschwester aus organisatorischen und eigenen gesundheitlichen Gründen nicht begleiten. Ich verspreche ihnen mich nach all meinen Möglichkeiten um ihre Mitschwester medizinisch wie menschlich zu kümmern. Zum Transport erhöhe ich den laufenden Morphin-Perfusor auf ein maximales Mass ohne eine relevante Atemsupression, dennoch krallt sich die Patientin durchweg vor Schmerzen in meine Hand. Ich halte ihr durchgehend die Hand, für das Protokoll ist auch in der Zielklinik noch Zeit. Dort angekommen treffe ich glücklicherweise auf ein extrem liebenswürdiges und verständnisvolles Behandlungsteam incl. des diensthabenden Gefäßchirurgen. Er hält die Patientin ebenfalls für sterbend bzw. inoperabel. Er und das pflegerische Team bieten zu meiner Erleichterung eine menschliche Sterbebegleitung an. Schmerzlich für uns Alle ist jedoch, dass am Ende des Lebens der Patientin ihre nächsten Bezugspersonen nicht anwesend sein kann und auf die Schnelle auch kein geistlicher Beistand zu organisieren ist.

Ich führe mit dem Transportteam umgehend ein Debriefing durch und mache meinem Frust Luft. Erleichtert, bin ich darüber, dass auch meine Teamkollegen die Situation wie ich eingeschätzt haben. Es kamen nämlich in mir erhebliche Zweifel auf, ob ich die Situation falsch schlecht eingeschätzt habe.

In meinem Frust kommt mir eine Beschwerde gegen die abgebende Dienstärztin in den Sinn. Aber macht es das besser? Ihr steht ebenfalls wie mir eine ärztliche Meinung zu und sie genießt Hausrecht. Sie kann natürlich Therapien ablehnen, die sie sich nicht zutraut. Zudem hat sie ja auch nur auf eine prinzipiell kurative Zielsetzung gepocht, wie will ich da argumentieren?

Ein erneutes Gespräch mit der Kollegin war bisher nicht möglich und ich fürchte es wäre auch nicht fruchtbar, denn sie akzeptierte meine Einschätzung schlichtweg nicht und pochte auf das von ihr festgelegte Vorgehen. Sie empfand mein Vorgehen als Einmischung und unpassend.

 

Ich muss gestehen dieser Einsatz beschäftigte mich deutlich länger als so viele offensichtliche spektakuläre sowie tragische Verläufe. Das schlechte Gewissen und Selbstvorwürfe waren da obwohl ich doch alles für eine humane Lösung getan hatte. Aber war es genug? Hätte ich hartnäckiger sein sollen? Bin ich wirklich nicht zu weit gegangen?

Für meine Resilienz war das Debriefing mit meinen Kollegen sowie weitere Gespräche mit den Kollegen, Freunden und meiner Frau extrem wertvoll. Keiner spiegelte mir zurück, dass ich überreagieren würde. Ich wurde ernst genommen und es wurde lebhaft diskutiert - dafür bin ich Allen sehr dankbar.

 

Warum schreibe ich das hier? Weil ich zeigen will, dass einen nicht nur die spektakulären großen Unglücksfälle mit viel Tragik einen aushebeln können, sondern auch die empfundene Unrechtmäßigkeit am Ende des Lebens einer Patientin. Für meine Einstellungen und Werte wollte ich keine Zustimmung und Anerkennung von der abgebenden Kollegin, darauf bin ich nicht angewiesen und zu reflektiert. Mir ging es alleinig um die uns anvertraute leidende Patientin. Ich empfinde es immer als großes Privileg mich um meine Patientin kümmern zu dürfen, aber mir setzt es zu, wenn ich es aus was für Gründen auch immer nicht angemessen tun kann.

 

Ich appelliere an alle nichtärztlichen wie ärztlichen Kollegen: Bitte seid aufrichtige und standhafte Advokaten Eurer Patienten - sie haben es und Euch verdient.

Passt bitte auf Euch auf!

Wie oft habe ich es gehört und selbst auch gesagt: "Pass auf Dich auf - fahre vorsichtig!"

Vor ca. zwei Wochen hat es mich nun selbst erwischt. Innerhalb von drei Minuten hatte die First-Responder Gruppe vom DRK OV Hexental, der ich angehöre, zwei Einsatzaufträge zur Unterstützung des Regelrettungsdienstes in meiner Heimatgemeinde erhalten.

Nach einer Rückmeldung von der ersten Einsatzstelle an die Rettungsleitstelle fuhr ich dann die zweite Einsatzstelle an. Auf einer kleinen und steil abfallenden Verbindungsstrasse zu einem abgelegenen Anwesen kam ich dann in Dunkelheit und Regen aufs Parkett (die Strasse war komplett mit Laub bedeckt, so dass ich die Fahrbahnkante nicht mehr erkennen konnte) und konnte dann weder bremsen noch lenken, so dass ich dann schlußendlich in einen geparkten landwirtschaftlichen Anhänger prallte. Ich konnte zwar noch die Einsatzstelle anfahren, aber der Schaden an meinem Auto ist beträchtlich. Schlußendlich wird es vermutlich ein wirtschaftlicher Totalschaden sein.

1.) Gott sei Dank ist mir oder Dritten nichts passiert!

2.) Ich schwöre, dass ich nicht schnell unterwegs war, aber ohne Bremswirkung rutscht man halt scheinbar unaufhörlich...

3.) Ich danke dem DRK OV Hexental und dem KV Freiburg  für die schnelle, unbürokratische und großzügige Hilfe in der Schadensabwicklung . Dank eines Leihwagens konnte ich u.a. mittlerweile drei weitere Notfallpatienten als First Responder deutlich vor Eintreffen des Regelrettungsdienstes versorgen, das Engagement des DRK hat sich also für alle Beteiligten gelohnt.

 

Es sei mir aufgrund meiner eigenen leidlichen Erfahrungen gegönnt zu sagen:

"Bitte passt auf Euch auf! Nicht nur aber insbesondere auch zu dieser Jahreszeit und den entsprechenden Strassenverhältnissen (bei einem Fahrradsturz dieser Tage war es trotz Sonnenschein in einer schattigen Kurve zu extremer Strassenglätte und ich mußte mir bei der Absicherung der Unfallstelle durch einen Motorradfahrer sogar einen Mittelfinger zeigen lassen). Egal ob mit einem Einsatzfahrzeug oder Privatwagen -  Privat- oder Einsatzfahrt, es ist unglaublich schnell passiert!

Langsam weicht mir der Schreck aus den Knochen, aber dennoch bitte ich alle anderen Verkehrsteilnehmer, die nun bei suboptimalen Strassenbedingungen hinter mir her schleichen müssen um ihr Verständnis.