Resilienz

Die Arbeitsverdichtung in unserer Berufswelt (und auch Gesellschaft) nimmt immer mehr zu, trotz effektiverer Vernetzung nimmt der Workload immer mehr zu uns die menschlichen Ressourcen bleiben weiterhin beschränkt. An unserem „Arbeitsspeicher“ hat sich seit Beginn der Menschheit nicht viel verändert, aber die Ansprüche und Anforderungen an uns haben sich allein in den letzten 50 Jahren elementar verändert.  Die Häufigkeit von Burn-out und Depression schnellen nach oben, auch ich mußte meine Grenzen schon schmerzlich kennen lernen.

 

Was ist nun Resilienz? Unter Resilienz verstehe ich persönlich und vereinfacht die Widerstandskraft auf äußere Einflüsse. Wir kennen Menschen aus unserem Umfeld, die berappeln sich innerhalb kürzester Zeit egal was auf sie einwirkt während Andere lang oder sogar dauerhaft damit zu kämpfen haben.

 

Es gibt wissenschaftlich nachweislich einige effektive Ansatzpunkte, wie man seine Resilienz verbessern kann, ein paar Themen will ich hier vorstellen. Es gibt auch noch nicht wissenschaftlich belegte Ansätze, hier gilt in meinen Augen „wer heilt hat Recht“ und jeder soll machen was ihm gut tut, so lange er Andere damit nicht schädigt.

 

Ein persönliches Großereignis wirft seine Schatten voraus

Ich bin meinem Freund Wolfgang unendlich dankbar, dass wir gemeinsam dieses Buchprojekt aufgegleist haben. Es hat zwar ordentlich Arbeit gemacht, wir durften aber dadurch auch sehr viel lernen und daher hat sich die Mühe schon jetzt gelohnt. Wenn es nun noch den Lesern gefällt und auch sie durch die Lektüre etwas lernen können, geht unser Plan komplett auf.

Noch wenige Wochen, dann kann man das Buch zu einem wie ich finde sehr attraktiven Preis für ein Fachbuch in Händen halten.

Ich werde dann erneut berichten, wollte aber schon jetzt die Vorfreude mit Euch teilen.

Weitere Informationen im Link und im angehängten Flyer:

https://www.springer.com/de/book/9783662564745#

 

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Gedanken zu Burnout, Resilienz & Co

Gerade hört man wieder viel über Burnout, Resilienz & Co in allen Bereichen, auch und insbesondere in der Akutmedizin. Die Meldungen zu Krankheitsausfällen, Burnout, Depression bis hin zu hohen Suizidalitätsraten sind erschreckend und Ausdruck von großem Leid. Daher will ich auch mal wieder gezielt einen Beitrag hierzu schreiben und weiter geben, was mich in diesem Bereich aktuell beschäftigt:

 

Auf ARTE gab es eine extrem interessante Reportage hierzu aus einem Pariser Krankenhaus, ich ziehe den Hut vor den Kollegen, die sich in dieser schwierigen Zeit begleiten ließen. Man kann hier leider wie im Lehrbuch alle Phasen und Ausdrucksformen des Burnouts gut erkennen und erfahren, daher lohnt es sich in meinen Augen auch wirklich den ganzen Film an zu sehen, auch wenn er zwischenzeitlich etwas langatmig anmutet. Mir schwirren derzeit Ideen im Kopf herum, wie man bezugnehmend auf diesen Film ein Fortbildungskonzept zu Burnout und Resilienz basteln könnte, mal schauen was draus wird... hätte denn jemand Interesse für seine/ihre Abteilung? Dann bitte bei mir melden. Hier der Link zum Film:

ARTE-Reportage "Ausgebrannt - Kollaps im Krankenhaus"

 

Es gibt aber auch kritische Töne zu den Resilienz-Trainings, wie sie oft, aber scheinbar ineffektiv, angeboten werden. Hier ein interessanten Beitrag hierzu aus Südafrika auf "Medicalbrief":

Forget 'resiliency training' for doctors - the entire system needs to change

Auch hier werden traurige Verhältnisse in der Akutmedizin beschrieben, wie sie weltweit, und nicht nur in Südafrika, Tatsache und nicht traurige Fiction sind. Die Verfasser stellen nicht Burnout, Depression etc. in Frage, sondern lediglich die oft angebotenen scheinbaren "Wundermittel" der Resilienz dagegen, die aber nicht angenommen und umgesetzt werden können. Auch wenn ich nicht ganz die Meinung zu den Resilienztrainings teilen kann, so lasse ich mir doch den Tenor des Beitrags sagen. Ich vermute dahinter einen hohen eigenen Leidensdruck und Resignation gegenüber der in diesem Fall wohl unangemessenen und somit wirkungslosen Resilienztrainings. Und es stimmt natürlich, würde man das System nachhaltig verändern, müßte man nicht so viel in Resilienztrainings etc. investieren. Aber es wird wohl nicht reichen sich nur für einen Systemwandel ein zusetzen, denn dieser kann bei allem guten Willen nur mittel- und langfristig erfolgen. Man muss auch parallel dazu und kurzfristig an der eigenen Resilienz arbeiten um nicht unter die Räder zu kommen.

 

Auch auf meinem Lieblingsblog zur innerklinischen Notfallmedizin Pincast haben sich meine geschätzten und von mir bewunderten Kollegen Dr. Tobias Becker und PD Christian Hohenstein zu diesem Thema geäußert. Sie erläutern das große Problem sehr praxisnah und gut verständlich, zeigen aber auch gute erste Schritte auf: Die Akzeptanz dieses Problems steigt und es gibt mehrere gute Kampagnen und Initiativen herzu, beispielsweise auch bei der DIVI.

DIVI-Initiative "Perspektive Resilienz"

Ich bin schon sehr gespannt was sich hieraus und aus anderen Bemühungen ergibt und mir wäre es ein Ehre meinen Beitrag hierzu leisten zu dürfen.

 

Mein Lieblingsthema und Steckenpferd ist ja zwar eigentlich die Verbesserung der eigenen Performance (Performance Improvement), aber ich denke man kann sich eigentlich erst richtig damit beschäftigen, wenn man durch eine gute persönliche Resilienz die Gefahr durch Burnout & Co eingedämmt hat. Es gibt allerdings einige lohnende und somit wertvolle Schnittmengen zwischen Resilienz und Performance, die man gezielt ausnutzen sollte.

 

Bevor ich meine Gedanken weiter spinne, was ich zu diesen Themen beitragen kann, und diesen Beitrag beende, möchte ich ein paar wichtige Dinge nochmal festhalten:

1.) Das Problem ist groß und real, wir müssen es akzeptieren und anerkennen. Es ist nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel.

2.) Burnout ist keine Schwäche der Person und es kann jeden und jederzeit erfassen, wenn die Belastung  zu hoch (unmenschlich) wird. Es ist eine natürliche und menschliche Reaktion, für die man sich nicht schämen muss.

3.) Burnout ist ernst zu nehmen und in der Hinsicht gefährlich, da sich daraus eine Depression etc. entwickeln kann.

4.) Der Begriff des Burnouts darf aber auch nicht missbraucht werden, es ist nicht mit einer physiologischen Erschöpfung zu verwechseln.

5.) Resilienzfaktoren sind trainierbar!

 

Jeder aktive, motivierte und sehr engagierte Mensch ist gefährdet, und somit sehr viele von uns "in der Szene". Es ist nicht ein Problem der "Faulen". Keine Sorge, die brennen nicht so schnell aus....

 

Ich persönlich bin extrem froh und dankbar, dass ich für mich aktuell einen guten Weg gefunden habe mein Risiko zu senken und dennoch selbstbestimmt sehr aktiv zu sein. Es war aber nicht immer einfach und ich neige auch dazu den Bogen zu überspannen, Risikobewußtsein ist hier angesagt!

 

Gebt auf Euch acht, nichts anderes ist mit Achtsamkeit gemeint, oder wie man in der Schweiz so schön sagt "heb der Sorg".

 

Das Gefühl der Machtlosigkeit

Machtlosigkeit klingt komisch, denn ich bin kein machtorientierter Mensch. Hilflosigkeit ist aber auch nicht richtig, denn ich hatte ja das Gefühl zu wissen, was zu tun sei, aber ich konnte mich nicht argumentativ durchsetzen.

 

Zunächst zur Situation an sich: Ich bekomme als Notarzt den Auftrag eine Patientin von einem peripheren Krankenhaus ins Zentrum zu verlegen. Im abgebenden Krankenhaus bekomme ich eine gut achtzigjährige Ordensschwester vorgestellt, die neben einer ganze Latte an schwer wiegenden Vorerkrankungen nun einen abdominellen Aortenverschluss erlitten hat. Beide Beine sind marmoriert und kalt, es lässt sich keine Durchblutung mehr nachweisen. In meinen Augen ist in Zusammenschau mit den Vorerkrankungen incl. einer Schlaganfallsymptomatik seit zwei Tagen die Prognose infaust und die Patientin bereits sterbend. Sie ist maximal schmerzgeplagt und ängstlich. Die Schwester-Oberin ist als Vorsorgebevollmächtigte zusammen mit einer weiteren Ordensschwester anwesend. Die Dienstärztin Innere Medizin hat mit dem Gefäßchirurgen im Zentrum die Übernahme zur notfallmäßigen offen-chirurgischen Versorgung besprochen. Obwohl die Kollegin drängt bitte ich Alle bis auf die Patientin und die beiden sichtlich besorgten Ordensschwestern aus dem Patientenzimmer. Ich sage, dass ich als Transportbegleitung hinzugerufen wurde, mir aber größte Sorgen mache, ob das geplante Procedere mit dem hohen perioperativen Risiko überhaupt im Sinne der Patientin sei. Die beiden betreuenden Ordensschwestern sind schockiert über den hohen Leidensdruck ihrer Mutschwester und möchten alle Massnahmen der Linderung in Anspruch nehmen. Ausführlich erläutere ich das vorgesehene Procedere mit den damit verbundenen hohen Risikos des perioperativen Versterbens. Die Schwestern bringen im Namen ihrer Mitschwester, welche bereits somnolent und somit nicht mehr kontaktierbar ist, den Wunsch der Leidenslinderung zum Ausdruck. Ich erläutere daraufhin die Möglichkeit der Therapiezieländerung hin zu einer palliativen Zielsetzung und durchgehenden geistlichen Betreuung durch die Mitschwestern. Diese zeigen sich erleichtert und sind sich sicher, dass auch die Patientin diesen Wunsch hätte, wenn sie noch selbständig entscheiden könnte. Ich bitte daraufhin die Dienstärztin hinzu und berichte ihr von der Bitte der Anwesenden um eine palliative Versorgung und Sterbebegleitung vor Ort, weiter biete ich meine Hilfe an ein verbindliches aber humanes Procedere für die Pflegekräfte fest zu legen. Für mich völlig überraschend lehnt die Dienstärztin eine palliative Versorgung und Sterbebegleitung ab und besteht auf eine nun endlich rasche Verlegung zur lebensrettenden OP. Die Schwester-Oberin und die begleitende Ordensschwester schießen daraufhin die Tränen in die Augen und sind völlig verunsichert, weil sie nicht wissen, wem und was sie glauben sollen. Ich ordne daraufhin die Transportvorbereitungen an, muss jedoch selbst kurz an die frische Luft, weil mich die Emotionen überkommen. Ich habe den Eindruck, dass ich der Patientin mit dieser Entscheidung maximales Unrecht antue. Leider können die Ordensschwestern den Transport ihrer Mitschwester aus organisatorischen und eigenen gesundheitlichen Gründen nicht begleiten. Ich verspreche ihnen mich nach all meinen Möglichkeiten um ihre Mitschwester medizinisch wie menschlich zu kümmern. Zum Transport erhöhe ich den laufenden Morphin-Perfusor auf ein maximales Mass ohne eine relevante Atemsupression, dennoch krallt sich die Patientin durchweg vor Schmerzen in meine Hand. Ich halte ihr durchgehend die Hand, für das Protokoll ist auch in der Zielklinik noch Zeit. Dort angekommen treffe ich glücklicherweise auf ein extrem liebenswürdiges und verständnisvolles Behandlungsteam incl. des diensthabenden Gefäßchirurgen. Er hält die Patientin ebenfalls für sterbend bzw. inoperabel. Er und das pflegerische Team bieten zu meiner Erleichterung eine menschliche Sterbebegleitung an. Schmerzlich für uns Alle ist jedoch, dass am Ende des Lebens der Patientin ihre nächsten Bezugspersonen nicht anwesend sein kann und auf die Schnelle auch kein geistlicher Beistand zu organisieren ist.

Ich führe mit dem Transportteam umgehend ein Debriefing durch und mache meinem Frust Luft. Erleichtert, bin ich darüber, dass auch meine Teamkollegen die Situation wie ich eingeschätzt haben. Es kamen nämlich in mir erhebliche Zweifel auf, ob ich die Situation falsch schlecht eingeschätzt habe.

In meinem Frust kommt mir eine Beschwerde gegen die abgebende Dienstärztin in den Sinn. Aber macht es das besser? Ihr steht ebenfalls wie mir eine ärztliche Meinung zu und sie genießt Hausrecht. Sie kann natürlich Therapien ablehnen, die sie sich nicht zutraut. Zudem hat sie ja auch nur auf eine prinzipiell kurative Zielsetzung gepocht, wie will ich da argumentieren?

Ein erneutes Gespräch mit der Kollegin war bisher nicht möglich und ich fürchte es wäre auch nicht fruchtbar, denn sie akzeptierte meine Einschätzung schlichtweg nicht und pochte auf das von ihr festgelegte Vorgehen. Sie empfand mein Vorgehen als Einmischung und unpassend.

 

Ich muss gestehen dieser Einsatz beschäftigte mich deutlich länger als so viele offensichtliche spektakuläre sowie tragische Verläufe. Das schlechte Gewissen und Selbstvorwürfe waren da obwohl ich doch alles für eine humane Lösung getan hatte. Aber war es genug? Hätte ich hartnäckiger sein sollen? Bin ich wirklich nicht zu weit gegangen?

Für meine Resilienz war das Debriefing mit meinen Kollegen sowie weitere Gespräche mit den Kollegen, Freunden und meiner Frau extrem wertvoll. Keiner spiegelte mir zurück, dass ich überreagieren würde. Ich wurde ernst genommen und es wurde lebhaft diskutiert - dafür bin ich Allen sehr dankbar.

 

Warum schreibe ich das hier? Weil ich zeigen will, dass einen nicht nur die spektakulären großen Unglücksfälle mit viel Tragik einen aushebeln können, sondern auch die empfundene Unrechtmäßigkeit am Ende des Lebens einer Patientin. Für meine Einstellungen und Werte wollte ich keine Zustimmung und Anerkennung von der abgebenden Kollegin, darauf bin ich nicht angewiesen und zu reflektiert. Mir ging es alleinig um die uns anvertraute leidende Patientin. Ich empfinde es immer als großes Privileg mich um meine Patientin kümmern zu dürfen, aber mir setzt es zu, wenn ich es aus was für Gründen auch immer nicht angemessen tun kann.

 

Ich appelliere an alle nichtärztlichen wie ärztlichen Kollegen: Bitte seid aufrichtige und standhafte Advokaten Eurer Patienten - sie haben es und Euch verdient.

Passt bitte auf Euch auf!

Wie oft habe ich es gehört und selbst auch gesagt: "Pass auf Dich auf - fahre vorsichtig!"

Vor ca. zwei Wochen hat es mich nun selbst erwischt. Innerhalb von drei Minuten hatte die First-Responder Gruppe vom DRK OV Hexental, der ich angehöre, zwei Einsatzaufträge zur Unterstützung des Regelrettungsdienstes in meiner Heimatgemeinde erhalten.

Nach einer Rückmeldung von der ersten Einsatzstelle an die Rettungsleitstelle fuhr ich dann die zweite Einsatzstelle an. Auf einer kleinen und steil abfallenden Verbindungsstrasse zu einem abgelegenen Anwesen kam ich dann in Dunkelheit und Regen aufs Parkett (die Strasse war komplett mit Laub bedeckt, so dass ich die Fahrbahnkante nicht mehr erkennen konnte) und konnte dann weder bremsen noch lenken, so dass ich dann schlußendlich in einen geparkten landwirtschaftlichen Anhänger prallte. Ich konnte zwar noch die Einsatzstelle anfahren, aber der Schaden an meinem Auto ist beträchtlich. Schlußendlich wird es vermutlich ein wirtschaftlicher Totalschaden sein.

1.) Gott sei Dank ist mir oder Dritten nichts passiert!

2.) Ich schwöre, dass ich nicht schnell unterwegs war, aber ohne Bremswirkung rutscht man halt scheinbar unaufhörlich...

3.) Ich danke dem DRK OV Hexental und dem KV Freiburg  für die schnelle, unbürokratische und großzügige Hilfe in der Schadensabwicklung . Dank eines Leihwagens konnte ich u.a. mittlerweile drei weitere Notfallpatienten als First Responder deutlich vor Eintreffen des Regelrettungsdienstes versorgen, das Engagement des DRK hat sich also für alle Beteiligten gelohnt.

 

Es sei mir aufgrund meiner eigenen leidlichen Erfahrungen gegönnt zu sagen:

"Bitte passt auf Euch auf! Nicht nur aber insbesondere auch zu dieser Jahreszeit und den entsprechenden Strassenverhältnissen (bei einem Fahrradsturz dieser Tage war es trotz Sonnenschein in einer schattigen Kurve zu extremer Strassenglätte und ich mußte mir bei der Absicherung der Unfallstelle durch einen Motorradfahrer sogar einen Mittelfinger zeigen lassen). Egal ob mit einem Einsatzfahrzeug oder Privatwagen -  Privat- oder Einsatzfahrt, es ist unglaublich schnell passiert!

Langsam weicht mir der Schreck aus den Knochen, aber dennoch bitte ich alle anderen Verkehrsteilnehmer, die nun bei suboptimalen Strassenbedingungen hinter mir her schleichen müssen um ihr Verständnis.

 

Lebenswege Teil 5: Simply try to do your best, not to be the best

Diesen Ausspruch eines Kollegen habe ich mir nicht nur als stete Erinnerung tätowieren lassen, er lastet mich auch voll und ganz aus. Für mein sportliches Jahresziel war es auch mein Ansporn und meine Motivation: Den Seiser Alm Halbmarathon!

An Silvester habe ich in Südtirol die Wettkampfankündigung hierfür gesehen und in Verbindung mit meiner kläglichen körperlichen Verfassung kam es zum Entschluss über ein paar Zwischenstationen dieses Jahr diesen Halbmarathon mit zu laufen.

Nun kam es dann aber anders als gedacht: Die blöde Mittelhandfraktur sowie die bereits berichtete wilde berufliche Entwicklung sorgten für extreme Trainingsrückstände, von einer Gewichtsreduktion ganz zu schweigen. Aber sollte ich deswegen mein Ziel aufgeben? Es kam nie wirklich für mich in Betracht.

So reiste ich bereits letzten Mittwoch nach Südtirol und bezog mein Trainingscamp im sagenhaften Hotel Steger-Dellai auf Wettkampfhöhe (etwa 2000m ü.N.N.). Diese Akklimatisierung war auch dringend notwendig, denn bei der ersten Trainingssession am Donnerstag war ich sofort aus der Puste und konnte bei Weitem nicht meine normale (eh schon bescheidene) Leistung bringen. Glücklicherweise hatte ich über den Tourismusverband ein Trainingsprogramm mit den klasse Betreuern Rudi und Egon von "Black sleep active" gebucht, bei dem wir in Sessions am Donnertag und Freitag in zwei Teilen die Wettkampfstrecke kennen lernten (hier entstanden auch die meisten Fotos). Am Samstag stand dann mit einem Spaziergang ganz die Regeneration im Vordergrund, hierzu machte ich eh an allen Tagen die Wellness-Landschaft unsicher.

Heute war es dann soweit: 21km, 600 Höhenmeter, auf 2000m Höhe, pralle Sonne und über 20°!

Es war ein Wechselbad der Gefühle: Auf der einen Seite genoß ich die grandiose Landschaft der Seiser Alm und das Privileg der Teilnahme an dieser professionell organisierten Veranstaltung. Andererseits gab es natürlich Momente, an denen ich mich Dinge geschimpft habe, die mich bei Veröffentlichung schnurstracks in den Knast bringen würde. Aber bei so viel Sonnenschein und guter Stimmung auf der Strecke besiegte ich den Schweinehund.

Schlußendlich habe ich meine Ziele erreicht:

1.) Nicht verletzen  - Check!

2.) Nicht aufgeben - Check!

3.) Nicht am Zeitlimit von 3:30 scheitern - bei Weitem Check!

4.) Möglichst nicht unter den letzten 100 von 700 Teilnehmern ins Ziel kommen - bei Weitem Check!

Über meine Laufzeit möchte ich nicht sprechen, da man sie eh nicht mit Flachland-Halbmarathons vergleichen kann und sie für mich nicht im Mittelpunkt stand. Es überhaupt zu schaffen war das Ziel. Nur so viel, der Schnellste war in der Hälfte der Zeit im Ziel (zu meiner subjektiven Beruhigung wiegt er aber auch nur die Hälfte von mir und macht scheinbar nicht viel Anderes).

Nun versuche ich noch meinen schlaffen Leib etwas zu regenerieren und morgen geht es zurück nach Hause, damit ich am Dienstag mit Vollgas im neuen Job starten kann (Danke für die außergewöhnliche Möglichkeit gleich mit einem freien Tag zu starten!!!).

Mein besonderer und wichtigster Dank gilt meiner Familie: Nicht nur, dass ich beruflich immer viel zu viel weg bin, sondern ich darf auch noch in der knappen Freizeit Sport treiben, die mich auch zumeist von der Familie trennt. Nun waren es sogar sechs Tage, die ich für dieses Selbstfindung- und Midlife-Crisis-Projekt allein unterwegs sein durfte, und dies noch in traumhafter Umgebung und in einem klasse Hotel. Aber wir kommen bald gemeinsam zum Jahresurlaub hier her, da hoffe ich, dass ich Einiges zurückgeben kann. Ich liebe Euch!

 

Ach so, ganz ohne Notfallmedizin und Human Factors geht es bei mir natürlich nicht:

Ich war ja zunächst überrascht mit wie wenig Personal und Equipment die Veranstaltung sanitätsdienstlich betreut wurde, dies war aber scheinbar auch garnicht nötig. Da die Veranstaltung ja schon etwas exklusiv ist melden sich scheinbar nur Läufer an, die wissen auf was sie sich einlassen und zudem wird auch eine Athletenregistrierung und v.a. ein ärztliches Attest verlangt. Trotz der Hitze und die mitunter schwierigen Strecke kam es nur zu wenigen Unfällen oder anderen medizinischen Notfällen. Das  Medical Center bestand vollkommen ausreichend aus gerade mal 4 Liegen für 700 Starter, ich selbst habe nur einen Abtransport ins Spital aufgrund anhaltender Hypotonie und vermutlicher Elektrolytentgleisung mitbekommen (hab mich da natürlich mal wieder nicht raushalten können). Auch auf der Strecke habe ich nur zwei Posten der Bergrettung gesichtet, aber jeweils ohne Auftrag. 

Aber auch was die menschlichen Aspekte angeht konnte ich wieder viel lernen: Resilienz, Motivation, Performance, Durchhaltevermögen, Teamgeist... in nächster Zeit werde ich da mal sicher den einen oder anderen Aspekt separat aufarbeiten.