Kongresse/Fortbildungen

Ich „teache“ ja leidenschaftlich gerne, aber ich konsumiere auch gern neues Wissen und Eindrücke, die ich exemplarisch und auszugsweise hier vorstellen möchte.

Persönliche Tagungsnachlese: agswn - Jahrestagung 2021 Teil 2

Die nächste Sitzung stand unter dem Motto „aktuelles aus der Kreislauftherapie“. Den Aufschlag machte Volker Wenzel zu den vasoaktiven Substanzen. Wer hier einen Hardliner-Vortrag erwartet hat, denn Prof. Wenzel hat die entsprechende Forschung in den letzten Jahrzehnten hierzu mit geprägt, wurde enttäuscht. Dies war auch nicht weiter schlimm, denn er rückte die Bedeutung ins rechte Licht, die nämlich eher v.a. im Rahmen der Reanimation eher gering ist. Die effektive Thoraxkompression und frühe Defibrillation ist viel wichtiger, da gibt einfach nichts dran zu rütteln. Anschließend wurde Björn Hossfeld aus Ulm zugeschalten zur Volumentherapie. Er erinnerte und ermahnte in seiner gewohnt souveränen und fundierten Art an die grundsätzliche Empfehlung zur Zurückhaltung bei der Volumengabe. Es ist so einfach: Eine Volumengabe braucht es nur bei einem Volumenmangel. Beim hämorrhagischen Schock, also einem effektiven Blutverlust, sind die kristallinen Lösungen wenig hilfreich, weil ihr Volumeneffekt gering ist. Hier haben dann bei Fehlen von Alternativen kolloidale Lösungen eingeschränkt und zurückhaltend weiterhin ihre Berechtigung, die vorgeschriebene Schulung natürlich vorausgesetzt. Bestenfalls ersetzt man zielgenau das verlorene Substrat, also die defizitären Blutbestandteile an sich. Hierzu gibt es ja mittlerweile auch in Deutschland mehrere Pilotprojekte zur präklinischen EK-Gabe.

Es ist mühsam die Erfahrungen aus anderen Ländern und Settings (Skandinavien, Metropole London, militärische Strukturen etc) auf das deutsche Gesundheits- und Rettungssystem zu übertragen und schlägt vermutlich auch fehl. Vielmehr müssen wir diesbezüglich unseren eigenen deutschen wenn nicht sogar regionalen Weg finden. Abschließend ergriff Harald Genzwürker nochmal das Mikrofon und erinnerte an das Vorhaben der agswn eine empfehlende Medikamentenliste zu erstellen. Dies ist aber kein einfaches Unterfangen, da viele Variablen hier eingehen bis hin zu einem nicht selten erheblichen Geschmackseinfluss von den Leitungskräften. Grundsätzlich sind neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten hier aber v.a. die Praktikabilität zu beachten. Eine „one size fits all“-Lösung gibt es hier wohl nicht.

 

Die folgende Sitzung trug den gleichen Namen wie traditionell die Jahrestagung an sich: „State of the art“. Frank Weilbacher berichtete unter dem Thema „das Beste aus der Wissenschaft“ zwei sehr interessante Studien zur Effektivität des Berliner STEMO-Projekts (CT und Lyse bei Schlaganfall vor Ort in einem speziellen Fahrzeug) und Versorgungsstrategie bei persistierendem Kammerflimmern. Für mich als Kind der Freiburger Uniklinik-Schule mit frühem bis sogar präklinischen Einsatz der ECLS natürlich ein hot topic. Aber ganz klar, beide Projekte kommen eher im städtischen Bereich und weniger bis gar nicht im ländlichen Raum zum Tragen. Der nächste Programmpunkt in dieser Session war mir persönlich eine besondere Freude: Mein geschätzter Kollege und Freund Jürgen Knapp durfte den diesjährigen Martin-Kirschner-Preis für seine Arbeit zur Implementation der Videolaryngoskopie in einem großen Luftrettungsunternehmen entgegennehmen. Herzlichen Glückwunsch lieber Jürgen – dies hast Du Dir wirklich verdient!

 

Nach der Mittagspause folgte die Sitzung „Kommunikation“. Den Beginn machte Rolando Rossi, ein „Altmeister“ der deutschen präklinischen Notfallmedizin mit seinen Ausführungen zur strukturierten Patientenübergabe. Ein Thema, welches zwar eigentlich einleuchtend ist aber dennoch oftmals vernachlässigt wird. Da die Übergabe eine Fertigkeit ist, ist es erlern- und trainierbar, müßte hierzu aber in der Aus- und Fortbildung mehr thematisiert werden.

Nun kam es zu meinem eigenen Beitrag unter der Überschrift „Notarzt als Teamleader – human factors“. Hierzu werde ich auch nochmal einen eigenen Beitrag verfassen. Abschließend folgte in dieser Sitzung ein wahrliches „hot“ topic mit der taktischen Lage durch Dennis Ritter aus Koblenz. Hier hat mir besonders gut gefallen, dass Dennis herausgestellt hat, dass wir hierbei nicht nur an Amok und Terror denken dürfen, sondern es schon bei einer häuslichen Gewalt oder Rempelei auf der Partymeile beginnt.

 

Die vorletzte Session behandelte dann die „Hot Topics 2021“ unter dem Vorsitz meines guten Freundes Albrecht Henn-Beilharz. Thomas Schlechtriemen berichtete über die Implikationen von Covid19 auf den Rettungsdienst am Beispiel des Saarlandes bis hin zu den aktuellen Test- und Impfkampagnen. Mein Eindruck ist, dass die Kuh mit der Infektionsgefahr für das Rettungsdienstpersonal aktuell schon ziemlich vom Eis ist, aber es kommen vermutlich erneut große Herausforderungen im Rahmen der auf uns zu rollenden dritten Welle auf uns zu. Anschließend gab Carsten Lott, für mich ein ERC-Ziehvater seit der ersten Stunde, einen Ausblick auf die kommenden ERC-Leitlinien. Noch ca zwei Wochen und aus den Vermutungen werden klare Aussagen, und daher möchte ich diese Zeit lieber noch warten als mich heute nebulös ausdrücken. Aber ich freue mich schon sehr auf die Umsetzung der neuen Leitlinien im (prä-)klinischen Alltag und Kursgeschäft.

 

Den Abschluss der Jahrestagung bildeten die Kollegen Tim Piepho und Bernd Landsleitner mit ihren Ausführungen zur pädiatrischen Atemwegssicherung und Grundsätze der Polytraumaversorung von Kindern. Ein Thema, welches auch erfahrene Notärzte immer wieder demütig macht, weil es ein seltenes aber herausforderndes Ereignis ist. Ich bin froh, dass sich neben den einschlägigen Kurskonzepten auch mittlerweile eine breitere Palette an hilfreichen Ausrüstungsgegenständen etabliert haben, die in vielen Situationen einen rettenden „Plan B“ darstellen.

 

Dies war mein kurzer Abriss zur Jahrestagung 2021 der agswn. Ich bin stolz, dass ich wieder vor Ort sein und einen aktiven Beitrag leisten durfte. Auch auf die Arbeit der agswn an sich will ich mal in einem eigenen Beitrag eingehen, weil es hier den Rahmen endgültig sprengen würde.

 

Auch wenn ich mit dieser Veranstaltung sehr zufrieden war, so freue ich mich doch schon jetzt wieder sehr darauf, dass wir uns hoffentlich 2022 wieder persönlich und im großen Rahmen zum Austausch in Baden-Baden treffen können.

Persönliche Tagungsnachlese: agswn - Jahrestagung 2021 Teil 1

Auch für die Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Notärzte agswn ist die Pandemie eine spannende Zeit. Die Stakeholder dort sind in der Regel Leitungskräfte in großen Kliniken oder sonstigen Institutionen und sind somit seit über einem Jahr sehr eingespannt. Hinzu kommen die Kontaktbeschränkungen, die persönliche Treffen von der Vorstandssitzung bis zur Jahrestagung unmöglich machten. So musste auch die Jahrestagung 2020, welche traditionell zur Zeit der Krokusblüte in Baden-Baden stattfindet, recht kurzfristig abgesagt werden. Auch dieses Jahr schien die Jahrestagung pandemiebedingt unter keinem Stern zu stehen, an eine Präsenzveranstaltung mit allen Interessierten im Kongresshaus war nicht zu denken. Aber man wollte dennoch eine Jahrestagung anbieten, denn die notfallmedizinischen Fortbildungsveranstaltungen sind ja allgemein aktuell rar geworden. Nun ist es zumindest gelungen, dass sich unter strengen Regularien der Vorstand und die Referenten persönlich in Baden-Baden treffen konnten. Es hatte zwar an Einzeltischen, Verpflegung am Tisch und Einbahnverkehr auf den Wegen den Charme eines Staatsexamens mit Schummelschutz, aber immerhin konnte man sich so zumindest „auf Zuruf“ in den Pausen austauschen. Da bekannt ist, dass es keineswegs einfacher ist online einer Veranstaltung zu folgen als in einem Vortragssaal, wurde bewußt die Tagung auf einen einzelnen Tag eingedampft und bei gleicher Vortragszahl die Sprechdauer auf 10min pro Referent gemäß dem Motto „in der Kürze liegt die Würze“ kondensiert. Dies ist zwar für die Referenten, welche ja bekannterweise gerne stundenlang über ihr Steckenpferd sprechen würden, gehörig anstrengend, hat aber hervorragend geklappt und die Veranstaltung kurzweilig gehalten.

Das Onlineangebot hat dazu geführt, dass sich deutlich mehr Besucher für die Jahrestagung angemeldet haben, weil die Schwelle/der Aufwand hierfür natürlich geringer war als sich nach Baden-Baden auf zu machen. Die agswn hat es in meinen Augen geschafft dadurch ihre Arbeit einem breiteren Publikum zu präsentieren als sonst, jede Einschränkung muss auch seine Vorteile haben.

 

Der Tag begann mit einer Sitzung unter dem flotten Namen „Germanys next Top-Notarzt“. Zunächst stellte der Vorsitzende der BAND Florian Reifferscheid das neue Kursbuch Notfallmedizin für die 80h-Kurse zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin vor. Florian arbeitete schön heraus, dass das bisherige Kursbuch wirklich überholt und medizindidaktisch verbesserungswürdig war. Natürlich ist auch das neue Buch eher ein Minimalkompromiss zwischen den Entscheidungsträgern mit unterschiedlichen Grundinteressen. Aber dennoch wird es eine deutliche Verbesserung der Ausbildung darstellen. Grundsätzlich erinnert es uns Alle an die Verpflichtung eine gute Grundausbildung für diese herausfordernde Tätigkeit an zu bieten. Weiterhin ist die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin die einzigste ZB ohne Facharztbezeichnung als Voraussetzung. Und der zeitliche Umfang des Kurses ist im Vergleich zu anderen ZB in meinen Augen wirklich Hohn und Spott wenn man bedenkt, welche Verantwortung aus dieser ZB erwächst. Ich möchte keiner anderen Qualifikation zu nahe treten, aber so sind in der Regel mindestens eine Dauer von vier Wochen Ausbildung normal. Nur der Notarzt wird nach einem Kurs von einer guten Woche in das Einsatzpraktikum entlassen. Nur ändern wird man in Zeiten knapper Ressourcen (finanziell wie personell) spontan wohl wenig können, daher pflichte ich Florian vollkommen bei zumindest innerhalb dieser 80h medizindidaktisch ein Maximum heraus zu holen. Anschließend berichtete Frank Koberne über das in Freiburg entwickelte und gelebte Rezertifizierungsprogramm für die aktiven Notärzte im Rettungsdienstbereich. Engagiert will man dadurch dem Missstand entgegenwirken, dass in Ba-Wü keine notfallmedizinische Fortbilungspflicht zum Erhalt der ZB besteht gemäß dem Motto „einmal Notarzt, immer Notarzt“. Möchte kurz erwähnen, dass dies bei vielen anderen ZB auch strenger geregelt ist. Ich hoffe, dass Curricula wie aus Freiburg Schule machen und flächendeckend Einzug halten. Aber dies wird in Zeiten von Vermittlungsagenturen aufgrund Personalmangels wohl vorerst ein frommer Wunsch bleiben...

 

Die nächste Sitzung nannte sich „neue Strukturen“. Harald Genzwürker stellte hierbei den aktuellen Stand bei den Ersthelfer-Apps vor. Immer mehr angeschlossene Regionen entstehen, doch flächendeckend konnte es bisher nicht werden. Weiterhin ist es dem Engagement von Menschen wie Harald zu verdanken, dass solch sinnvolle Systeme umgesetzt und v.a. gelebt werden. Positive Beispiele geretteter Patienten gibt es genug... Weiter machte Erik Popp mit den Erfahrungen des Heidelberger Medical Intervention Car (MIC) incl. der Umsetzung erweiterter invasiver Massnahmen. Ich war erneut begeistert von der zurückhaltenden Darstellung dieser erweiterten Möglichkeiten trotz der eigenen Begeisterung für dieses Projekt, weil auch den Heidelberger Machern klar ist, dass es eine ganz besondere Struktur bzw. System für die erfolgreiche Implementierung braucht. Erik eröffnet uns aber mit seinen Kollegen einen innovativen Blick in die Zukunftsoptionen der präklinischen Notfallmedizin. Normalerweise erregt man ja mit Rechtsvorschriften nicht gerade Aufmerksamkeit nach den spannenden Berichten über das MIC, aber die Pressemitteilung zum neuen Rettungsdienstplan Ba-Wü erregte doch großes Aufsehen und zog somit auch die Tagungsteilnehmer schnell in ihren Bann. Man muss sich schon mehr als verwundert die Augen reiben, wie sich das Land die Zukunft des Rettungsdienstes vorstellt. Ein wahres Erdbeben wäre die Folge und wäre in meinen Augen ein gewaltiger Rückschritt trotz der ganzen angepriesenen vermeintlichen Verbesserungen. Aber hierzu will ich bei Gelegenheit mal separat eingehen, sobald auch mehr Detailinformationen vorliegen. Ich möchte Eddi aber schon mal sehr für seinen Ausblick und die Deutung der Pläne danken.

 

Fortsetzung folgt

Läuft: MEDI-LEARN LNA/OrgL-Kurs online

Eigentlich wäre ich jetzt in Düsseldorf und würde dort im DRK Bildungszentrum in Kooperation mit MEDI-LEARN den LNA/OrgL-Kurs besuchen. Aber dieses Jahr ist halt aufgrund der Pandemie alles anders als geplant. 

Aber hier möchte ich schonmal einen herzlichen Dank den Kursveranstaltern und Dozenten aussprechen: Im Gegensatz zu vielen anderen Veranstaltungen wurde dieser Kurs nicht abgesagt und der Kopf damit in den Sand gesteckt. Gerade jetzt ist doch eine Aus-/Weiter- und Fortbildung wichtig! Wir wollen doch Kompetenzen und Qualifikationen ausbauen, denn es wird dringend gebraucht! 

Mit einem unglaublichen Aufwand haben die Verantwortlichen von MEDI-LEARN einen Online-Kurs auf die Beine gestellt, ohne dass der Praxisanteil darunter leidet. Gerade weil ich technisch eigentlich nicht so bewandert bin, begeistern mich die einfach anwendbaren technischen Optionen (App's, Plattformen), welche neben der Vorträgen auch die klassischen Gruppenarbeiten möglich machen, so dass ich den persönlichen Kontakt nur mittelgradig vermisse (mit Ausnahme der Pausenkommunikation - bei der man ja auch immer ordentlich viel mitnehmen kann).

So befinde ich mich aktuell quasi in "Fortbildungs-Quarantäne" und lebe diese acht Kurstage wohl "sicherer/gesünder" als im normalen Job/Leben. Dies hat den Vorteil, dass ich danach recht sicher wieder im Job/Familie gesund und voll zur Verfügung stehe, was aktuell bei einer Präsenzveranstaltung nicht gegeben ist. Spätestens wenn jemand im Präsenzkurs positiv getestet wird ist das Kind im Brunnen und schon wegen der Quarantäne ist man erst einmal weg vom Fenster.

Auch was die Dozenten angeht finde ich den Online-Kurs nicht schlecht: Man kann wirklich auf Experten zurück greifen ohne sie zeitlich Übermaßen in Anspruch zu nehmen, weil sie eine lange Anreise haben und dadurch eine gewisse Infektionsgefahr eingehen. Die Dozenten sind ja klassischerweise selber in Führungsfunktionen und können so aus sicherer Umgebung heraus unterrichten und stehen danach unmittelbar wieder ihrem beruflichen/privaten Umfeld zur Verfügung. Wenn ich mir da überlege wie viele Stunden ich schon im Auto/Zug/Flieger gesessen bin um dann schlußendlich einen 30min Vortrag  zu halten... Klar gibt es einen Abzug für den mangelnden persönlichen Kontakt/Austausch, aber es ist für mich hinnehmbar, zumal wenn es auch noch eine Kontaktmöglichkeit zwischen Dozent und Teilnehmer (Chat o.ä.) gibt.

Beim aktuellen Kurs leidet aber auf jeden Fall auch nicht die Menschlichkeit und somit Authentizität der Dozenten/Betreuer. Mit höchster Professionalität aber kollegialem Austausch auf Augenhöhe wird unterrichtet, was ich als sehr angenehm empfinde - herzlichen Dank!

Klar kann man nicht alle Veranstaltungen online abhalten, v.a. wenn es um manuelle Fertigkeiten geht - aber man sollte es nicht pauschal abtun, nur weil man selber nicht technisch bewandert ist. Wie auch in vielen anderen Bereichen ist aktuell auch hier Flexibilität und Lernbereitschaft von Allen gefragt.

Herzlichen Dank für die tolle und wertvolle Erfahrung!

Veranstaltungsnachlese: Intec des Emergency Schulungszentrums in Bern

Diese Woche hatte ich die große Ehre und Freude als Dozent an das EMERGENCY Schulungszentrum eingeladen zu werden. EMERGENCY ist eigentlich in Zofingen (Kanton Aargau, CH) ansässig. Der Kursus "Invasive Notfalltechniken" findet jedoch am und in Kooperation mit dem Anatomischen Institut der Uni Bern statt.

Einen ganzen Tag lang wird dort sehr praxisnah am anatomischen Präparat geübt. Kurze theoretische Inputs werden zwischen die vorgestellten Massnahmen eingestreut. Der Materialaufwand ist immens aber auch bewußt gewählt, damit alle Teilnehmer genug Verbrauchsmaterialien zur Verfügung haben und parallel geübt werden kann.

Der Kurs richtet sich an alle Interessierten aus der Notfall- und Akutmedizin, also Dipl. Rettungssanitäter HF, Anästhesiepflege, Ärzte etc., welche in die Verlegenheit kommen invasive Massnahmen zu ergreifen oder zumindest assistieren zu müssen. Hierbei sind die zugesprochenen Kompetenzen der nichtärztlichen Schweizer Kollegen umfangreicher als beim deutschen Pendant. Persönlich hat mich auch überrascht, welche diversen Techniken und Produkte bei den unterschiedlichen Rettungsdiensten in der Schweiz vorgehalten werden.

 

Begonnen wird zunächst gar nicht mit invasiven Massnahmen an sich: Am anatomischen Präparat werden alle Tools der supraglottischen Atemwegssicherung (LMA, LT, I-Gel) und der verschiedenen Verfahren der endotrachealen Intubation (Konventionelle Laryngoskopie, Videolaryngoskopie, "Bougie-Technik" bis hin zur "halb-invasiven" retrograden Intubation) geübt. Für mich sind diese Übungseinheiten aber sehr wichtig und ein ganz wichtiger Bestandteil der Veranstaltung - man kann halt nicht besser und praxisnäher üben als am anatomischen Modell, so dass es eine Sünde wäre diese Chance aus zu lassen. Besteht eine entsprechend ausgiebige Expertise bei den Teilnehmern kann man ja flott drüber hinweg gehen. Weiter geht es dann mit dem Ventrain-System und der Jet-Beatmung, um überbrückend bis zur Atemwegssicherung die Oxygenierung sicher zu stellen. Anschließend werden verschiedenste Verfahren der Koniotomie vorgestellt und praktisch geübt.

Nach der Mittagspause widmeten wir uns ausführlich den unterschiedlichen Strategien der Thoraxentlastung bei Spannungspneumothorax und dem Einlegen einer Bülaudrainage im Sinne einer lateralen Minithorakotomie. Den Abschluss bildeten Übungen zum intraossären Zugang an den verschiedensten Punktionsstellen.

 

Ich hatte ja einen gewissen Vergleich, denn ich war ja bereits begeisterter Teilnehmer eines Intech-Kurses bei den Kollegen der Uniklinik Heidelberg. Meiner Meinung nach haben beide Veranstaltungen ihre individuellen Stärken und Zielsetzungen, einen endgültigen Vergleich braucht man aber gar nicht an zu stellen bzw. wäre nicht zielführend, da man Äpfel mit Birnen vergleichen würde. Ganz klar sind es aber keinesfalls Konkurrenzveranstaltungen, sondern eher "Brüder im Geiste". Grundsätzlich mangelt es meiner Einschätzung nach an Veranstaltungsangeboten dieser Art, so dass es prinzipiell mehr Bedarf als Kursplätze gibt. Beim Intec des EMERGENCY Schulungszentrums melden sich traditionell mehrheitlich Dipl. Rettungssanitäter an und die Ärzte sind in der Minderheit - wünschenswert wäre hier ein größeres ärztliches Interesse, denn auch in deren Ausbildung kommen die invasiven Massnahmen ja deutlich zu kurz.

 

Bewußt wird bei EMERGENCY auf die erweiterten invasiven Massnahmen wie Clamshell-Thorakotomie, REBOA, Nähte etc verzichtet, in Heidelberg bei Intech werden sie im "Advanced-Kursformat" vermittelt. Würde man diese komplexen Massnahmen auch in Bern abhandeln wollen, würde es den Rahmen der eintägigen Veranstaltung deutlich sprengen. Abgesehen von der Clamshell-Thorakotomie braucht man hierfür zudem ein erweitertes Equipment. Wird dies im eigenen Arbeitsumfeld nicht vorgehalten, macht auch ein entsprechendes Training keinen Sinn. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich damals in Heidelberg auch von der Vermittlung dieser Prozeduren sehr profitiert habe, da ich mir hauptsächlich eine fundierte Meinung bilden wollte und mir nicht eingebildet habe danach diese Massnahmen zu beherrschen.

 

Als Dozent war der Tag in Bern für mich eine sehr große Bereicherung fachlich wie menschlich und ich durfte erneut im kollegialen Dialog viel dazu lernen. Zudem konnte ich auch ordentlich und ausgiebig "Hand anlegen", was mein Handling weiter verbessert hat. Schließlich komme ich ja, glücklicherweise, auch nicht routinehaft dazu.

 

Kurzum: Die Notwendigkeit invasiver Massnahmen ist glücklicherweise ein seltenes Ereignis, ich bin aber leider auch davon überzeugt, dass sie wenn auch indiziert aus Angst häufig nicht durchgeführt werden. Man denke hier nur an die Ergebnisse der Berliner Studie über vermeidbare Todesfälle in der präklinischen Notfallmedizin. Hier sollten wir vigilanter werden und mehr fortbilden/schulen/üben. Daher kann ich die Veranstaltung absolut empfehlen!

 

Herzlichen Dank für die Gelegenheit als Dozent mitwirken zu können und mich würde eine Wiederholung sehr freuen.

 

Hier der Link zur Veranstaltung

On the road again

Momentan geht es ziemlich ab, in den letzten zwei Wochen war ich recht viel unterwegs, weshalb ihr auch nichts mehr von mir gelesen habt.

 

Zunächst habe ich drei Tage den Stuttgarter Intensivkongress SIK besucht. Neben den Vorträgen und Workshops steht dabei natürlich auch das Networking im Fokus. Es kam zu vielen tollen Begegnungen mit „alten“ Freunden und neue Bekanntschaften. Immer wieder ist es für mich eine schöne Erfahrung wie alle das gleiche Ziel haben: Die Verbesserung der Patientenversorgung in der Akutmedizin. Egal welche Profession, alle ziehen am gleichen Strick und v.a. in die selbe Richtung ;-) . Zunächst durfte ich dort einen Workshop für NFS-Azubis zum Thema Airwaymanagement mit gestalten. Alle waren extrem interessiert, auch wenn die chirurgische Atemwegssicherung und die Entlastung eines Spannungspneumothorax natürlich keine alltäglichen Massnahmen in der deutschen Notfallmedizin sind. Es ging auch nicht um die Beherrschung der Massnahmen, dazu war die Zeit zu kurz, aber es konnten zumindest die Prinzipien sowie Indikation und Risiken vermittelt werden. Tags darauf hielt ich in einem für mich Landei sehr großen Vortragssaal zwei Vorträge zu Traumamanagement auf dem Lande und zum offenen Thema „Hey, was geht denn hier ab?“. Die pdf mit ausgewählten Slides habe ich angehängt.

 

Am gleichen Wochenende fand auch noch die MEDIZIN, der Jahreskongress des Ärztekammer, in Stuttgart statt. In zwei Sitzungen wirkte ich mich: Zunächst durfte ich meinen Freund und geschätzten Kollegen Dr. Wolfgang v. Meissner bei seiner Sitzung zum „Hausarzt 2.0“ durch meinen Erlebnisbericht zum Quereinstieg in die Allgemeinmedizin unterstützen. Anschließend hielten mein Chef Dr. Martin Honeck und ich noch eine Sitzung zum Thema Notfallmanagement in der Praxis ab. Wir versuchten heraus zu arbeiten, dass die Güte dieses Managements weniger vom vorgehaltenen Material abhängt. Viel mehr kommt es auf die Vorbereitung des Praxisteams ab, was man aber halt auf einem Ärztekongress nicht praktisch üben kann, dies muss vor Ort mit dem gesamten Praxisteam mit dem gewohnten Material erfolgen. Auch hier habe ich ein paar Slides angehängt.

 

Nach einer Woche mit Praxis, Notarztdienst, MPG-Einweisung beim DRK Lörrach sowie Notarztprüfung an der Bezirksärztekammer Südbaden bin ich nun für einen ERC ALS Kurs im schwäbischen Ehingen. Auch hier begeistert mich die hohe Motivation der Teilnehmer, welche es der klasse Faculty sehr einfach macht.

 

Ab Montag folgen dann wieder Praxis und weitere spannende Termine, von denen ich aber dann zu gegebener Zeit berichten werde.

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