Kongresse/Fortbildungen

Ich „teache“ ja leidenschaftlich gerne, aber ich konsumiere auch gern neues Wissen und Eindrücke, die ich exemplarisch und auszugsweise hier vorstellen möchte.

Nachlese zum 6. Mitteleuropäischen Flugrettungssymposium in Ulm 1.10.2021

Was für eine Freude!

Endlich endlich mal wieder eine Präsenzfortbildung. Ich muss ja zugeben, dass ich in den letzten zwei Jahren schon erkannt habe, dass man nicht für jede Veranstaltung durch die Gegend reisen muss, aber bei Events mit dem Fokus auf den kollegialen Austausch ist die Präsenz schon sehr wichtig. Für alle an der Luftrettung Interessierten hier nun mein persönlicher und somit subjektiver Veranstaltungsrückblick:

Bevor ich zu den Inhalten komme möchte ich PD Dr. Björn Hossfeld und seinen Helfern vom TRAUMATEAM ULM ganz herzlich für die super Veranstaltungsorganisation danken, da blieben keinerlei Wünsche offen.  Björn moderierte auch gewohnt souverän und humorvoll durch den Tag. Natürlich stand dieses Symposium auch noch mal im Zeichen der Verabschiedung von Prof. Matthias Helm in seinen Ruhestand. Ich kann es mir wie viele Andere noch nicht vorstellen, dass diese Ikone der Notfallmedizin und Luftrettung nun die Bühne verlässt, aber ich wünsche ihm persönlich das Allerbeste! Ein weiterer ehrenwerter Anlass ist das 50jährige Jubiläum der Luftrettung in Ulm. Das Luftrettungszentrum Christoph 22 am Bundeswehrkrankenhaus war und ist ein weit bekanntes und respektiertes Aushängeschild der Luftrettung und zahlreiche Entwicklungen nahmen von hier ihren Ausgang.

 

Zu Beginn des Symposiums erfolgte gleich mal der Blick in die Zukunft:

Aaron Erd vom ADAC betitelte seinen Vortrag mit "Wieviel Hubschrauber braucht der Patient". Er meinte es zwar nicht so, aber dieser Satz beschäftigt mich übergeordnet schon sehr trotz aller Begeisterung für meine eigene Luftrettungsbegeisterung. Der Hubschrauber als extrem teures, aufwändiges und nicht gänzlich ungefährliches Rettungsmittel sollte ressourcenschonend immer dann zum Einsatz kommen, wenn der kritisch erkrankte oder verletzte Patient durch eine verkürzte Zugriffs- oder Prähospitalzeit bzw. durch spezielle Massnahmen davon profitiert. Aaron Erd bezog sich aber mit dieser Überschrift auf das Entwicklungsprojekt des ADAC zu Multikoptern (Volocopter). Hierbei wird geprüft, ob Kleinfluggeräte mit mehreren kleinen Rotoren ohne Turbinen und dafür mit elektrischem Antrieb bei bestimmten Einsatzlagen bzw. in v.a. ländlichen Gegenden Vorteile gegenüber den schweren und großen Hubschraubern haben könnten. Es gibt schon flugfähige Prototypen, allerdings ist ihre Nutzlast, Reisegeschwindigkeit und Reichweite noch zu gering. Ich muss sagen, nicht hat dieses innovative Konzept noch nicht gepackt, aber vielleicht bin ich auch schon zu alt und starrsinnig bzw. zu konservativ: Wir haben nun jahrzehntelang ein System etabliert, in dem ein ganzes Rettungsteam mit kompletter Ausrüstung schnellstmöglich zum Patienten kommt, ihn adäquat behandelt und schließlich situationsangepasst transportiert. Wenn es allein um einen schnellen Notarztzubringer zu einem RTW o.ä. vor Ort geht, welcher das gesamte Equipment der modernen Notfallrettung vorhält, dann kann ich mir einen Volocopter als hilfreiches Einsatzmittel vorstellen. Allerdings würden wir einen großen Rückschritt machen, wenn ich dann bewaffnet allein mit einem Notfallrucksack allein vor einem Patienten stehe und auf das weitere Material/Team warten muss.

Allerdings sollte ich nicht zu kritisch sondern vielmehr offen für neue Ideen sein. Hierzu fiel an diesem Tag ein klasse Zitat, welches ich vermutlich in diesem Blogbeitrag mehrfach bemühen will: "Man muss Innovationen zulassen/ausprobieren/leben, so lange ihre Intention ehrenwert ist." Erst dann kann man sie wirklich bewerten und kann dann entscheiden, ob man sie zur Regel macht oder eben wieder verwirft. Viele Massnahmen/Verfahren/Geräte, welche wir heute selbstverständlich verwenden, wurden zunächst belächelt für absurd gehalten.

Prof. Steven Sollid von der Norwegian Air Ambulance berichtete anschließend über den Bereich "Research & Developement" seiner Organisation. Mit extrem großen finanziellen, materiellen und personellen Aufwand wird hier Forschung, Technikentwicklung und Fortbildung betrieben. Man ist überzeugt, und ich teile diese Einschätzung, dass sich selbst diese hohen Investitionen durch eine Verbesserung der Versorgungsqualität schlußendlich auszahlt. Dieser Kraftakt ist jedoch nur durch das finanzielle Engagement der (nur) 5,3 Millionen Norweger möglich, denn der Bereich "Research & Developement" wird im Gegensatz zur eigentlichen Luftrettung nicht staatlich finanziert. Ich zolle der Norwegian Air Ambulance höchsten Respekt, denn von ihren Erkenntnissen profitieren natürlich alle Luftrettungssysteme.

Anschließend fuhr Prim. Dr. Marc Kaufmann aus Südtirol mit den Bemühungen zur Tagesrandzeitenerweiterung (vs. HEMS 24/7) fort. In Südtirol erfolgte die überwiegend alpin eingesetzte Luftrettung lange Zeit nur am Tage. Ein Nachtflug-HEMS ist in Italien zwar grundsätzlich möglich, jedoch nur unter strengen Auflagen (insbesondere 2 Piloten). In Südtirol wäre zudem insbesondere von 23-6 Uhr kein Hubschrauber ausgelastet aufgrund eines erfreulich niedrigen Einsatzaufkommens, eines flächendeckenden bodengebundenen Notarztdienstes sowie mehrere Kliniken in relativ kurzer Entfernung. Jedoch erkannte man schon vor ca 20 Jahren, dass es gerade zwischen Dämmerung und 23 Uhr sowie ab 6 Uhr bereits wieder einige Einsätze gäbe, bei der die Luftrettung von Vorteil ist. Daher entwickelte man ein Projekt zur Tagesrandzeiterweiterung, um auch diesen Bedarf zu decken. Hierfür wurden die Hubschrauber mit sehr starken Scheinwerfern ausgestattet, der (eine) Pilot trägt NVG und selbst der Arzt unterstützt durch den Blick durch ein Monokel-NVG. Wenn möglich wird zudem ein vorher definierter und kartographierter Landeplatz angeflogen, um die Sicherheit weiter zu erhöhen. Bei diesem Vortrag kommt die Stärke dieses Symposiums zum Tragen: Es sind Luftretter zugegen, für die es eine Selbstverständlichkeit ist auch nachts mit nur einem Piloten zu fliegen und dies ggf. auch bei widrigen Bedingungen. Andere Organisationen betreiben einen reinen Tagbetrieb von Sonnenauf- bis untergang. Hier entsteht dann schnell eine fruchtbare und respektvolle Diskussion zu den Vor- und Nachteilen der einzelnen Systeme und jeder kann von diesem Austausch profitieren.

 

Nach einer Kaffeepause folgte ein weiteres Highlight: Pro-/Con-Vorträge zur Clamshell-Thorakotomie mit anschließender Podiumsdiskussion der anwesenden Luftrettungsorganisationen.

Prof. Erik Popp aus Heidelberg vertrat (wie gewohnt ;-)) den Pro-Part mit einem Impulsvortrag. Er hob hierbei die positiven Erfahrungen beispielhaft bei der London Air Ambulance und auch an der Sektion Notfallmedizin der Uni Heidelberg mit seinem MIC hervor. In den (und nicht nur dort) ERC-Leitlinien wird die Thorakotomie bei traumatischen Herzstillständen mit penetrierender Thoraxverletzung empfohlen (bzw. es soll in Erwägung gezogen werden), sofern folgende Voraussetzungen vorliegen:

- Expertise (Kann man in Rahmen von Kursen erlernen, zwar hoch invasiv aber technisch nicht komplex)

- Equipment (Es ist eigentlich nur ein Skalpell sowie eine Schere zwingend, was also ubiquitär in der Notfallmedizin vorhanden ist, jedoch wären auch Erythrozytenkonzentrate zum Ausgleich der Hypovolämie sehr hilfreich) 

- Environment (Es ist ein Team, eine sichere und ausreichend große Fläche sowie ein passendes Transportmittel notwendig)

- Elapsed Time (Empfohlen wird die Massnahme eigentlich nur bei einem beobachteten Kreislaufstillstand und somit kürzester Zeit bis zur Thorakotomie.

Da dieses selektive Patientengut ohne diese Massnahme eine Mortalität von 100% hat, hält Erik diese Massnahme von jedem Anwender für vertretbar, der sie sich zutraut. Die Häufigkeit einer chirurgischen Atemwegssicherung sei ähnlich wie die einer Thorakotomie, die Koniotomie würde jedoch niemand in Frage stellen, obwohl sie ebenso invasiv und technisch anspruchsvoller ist.

Prof. Wolfgang Voelckel vom ÖAMTC wies in seinem Contra-Part darauf hin, dass die hohen Thorakotomiezahlen in London nur daran liegen, dass ein kleines und hoch spezialisiertes Notarztteam in London für 11 Millionen Einwohner zuständig ist und der Anteil von Schuss- und Stichwunden bei den Traumen annähernd bei 50% liegt. In ganz Österreich wären hier nur mit etwa 30 potentiellen Patienten pro Jahr zu rechnen, hierfür lohne sich die Ausbildung aller Notärzte nicht, weil es eher ein "once in a lifetime event" ist. Zudem gäbe es kaum Kliniken, die dann einen solchen präklinisch unter widrigsten Bedingungen und mit hohen Kollateralschäden thorakotomierten Patienten dann adäquat weiter versorgen können. Nachdenklich machte mich übrigens seine Anekdote, dass ihn über die sozialen Medien das Video einer Thorakotomie auf der Strasse schneller erreichte als das Team wieder auf der Basis wieder zurück war.

In der Podiumsdiskussion wurde zwar kontrovers aber auch sehr respektvoll diskutiert, aber man konnte sich einigen, dass die Clamshell-Thorakotomie wohl keine flächendeckend verfügbare Routinemassnahme wird, die Anwender sollten bei erneut ehrenwerter Absicht nicht verurteilt werden, weil sie als Ultima ratio zu diesem invasiven Mittel gegriffen haben, da ansonsten die Mortalität auch bei 100% liegen würde.

 

Nach einer sonnigen Mittagspause mit Blick auf das Münster folgte eine Sitzung zum Atemwegsmanagement mit zwei "alten" Bekannten von mir, weshalb ich mich besonders auf diese Sitzung freute.

Dr. Urs Pietsch von der Air Zermatt bzw. REGA stellte das Konzept zur "In-Cabin-RSI", also der Intubation in der Hubschrauberkabine vor. Ich muss gestehen, dass ich bisher darunter eigentlich eher einen Zwischenfall im Flug als eine gewollte Strategie verstanden habe. Grundsätzlich erscheint eine Hubschrauberkabine kein guter Ort für die Inkubation zu sein: Der Platz ist extrem knapp und der Patient nicht voll zugänglich. Andererseits sind die Geräte recht gut angebracht und gut verfügbar, zudem kennen wir alle das Problem, dass der Tubus und/oder der venöse Zugang beim Beladen schon einmal disloziert ist. Grundsätzlich kommt diese Strategie aus der Bergrettung, und da macht es auch am meisten Sinn, denn dann ist man ohne RTW den Umgebungseinflüssen schutzlos ausgeliefert. Man sollte auch unterscheiden, ob man damit eine Intubation "en-route" mit Lärm und extrem wenig Platz meint (dafür mit Zeitvorteil bei der Prähospitalzeit) oder bei ggf. offener Kabinentür bei stehendem Rotor vor Ort. Schlußendlich ist es eine Strategie, die man sich mal für besondere Situationen überlegen sollte (denn ehrlich gesagt habe ich auch schon getönt: "wir gehen mit dem Patienten in den RTW zur Intubation und dann fliegen wir ihn in die Klinik"), allerdings setzt es wie alle notfallmedizinischen Prozeduren ein gutes Teamtraining voraus. Es ist sicherlich nichts, was man "einfach mal so" ausprobiert.

PD Dr. Jürgen Knapp vom Inselspital Bern folgte mit seinen Ausführungen zum Nutzen der Videolaryngoskopie. Diese Abfolge war auch in so fern geschickt gewählt, weil auch bei der "In-Cabin-RSI" das VL obligat zu verwenden ist. Die Datenlage ist klar: Es gibt keinen vernünftigen Grund einen Notfallpatienten nicht mit einem VL zu intubieren, denn sie ist schneller (oder mindestens nicht langsamer) und sicherer als die direkte Laryngoskopie. Einzige Voraussetzung, wie bei allen Massnahmen/Ausrüstungsgegenständen, ist eine gute Einweisung und regelmäßiges Training bzw. Anwendung. Insbesondere die Verwendung eines hyperangulierten Spatels bzw. eines Bougies will gelernt sein, erhöht dann aber relevant die Chance auf Bewältigung eines schwierigen Atemwegs. Erfreulicherweise sind ist flächendeckend VL im Notarztdienst verfügbar, was jedoch eher selten der Fall ist, ist dass dort die gleichen Geräte wie in der Klinik vorgehalten werden. Damit beraubt man sich der Möglichkeit eine hohe Routine in der Anwendung zu erwerben, denn zwischen den Herstellern und Modellen gibt es schon erstaunliche Detailunterschiede. Während in den Kliniken zumeist hochwertige Produkte mit Mehrwegbenutzung verwendet werden, finden in der Präklinik häufig scheinbar günstigere Produkte mit Einwegartikeln ihre Verwendung.

 

Die nächste Sitzung stand unter der Überschrift "Gerinnung- und Blutprodukte in der Luftrettung", ein ähnlich kontrovers diskutiertes Thema wie die Thorakotomie.

Zunächst stellte Dr. Heiko Lier aus Köln sich mit der Frage auseinander, ob Blut- und Gerinnunsprodukte ein Standard in der Luftrettung darstellen sollten. Dies ist zum Einen davon abhängig an welches Produkt man dabei denkt (zumeist wird hier in abnehmender Häufigkeit von Tranexamsäure, Fibrinogen, PPSB, EK, FFP/lyophilisiertes Plasma oder Vollblut gesprochen), weil davon unterschiedliche gesetzliche und logistische Anforderungen abhängig sind. Andererseits unterscheiden sich die Luftrettungsmittel erheblich in ihrer Einsatzfrequenz und im Einsatzspektrum sowie der in kürzerer Zeit anffliegbaren Krankenhäuser. So kann es an ausgewählten Standorten und in speziellen (seltenen) Einsatzsituationen hilfreich sein. Grundsätzliche Aussagen oder Forderungen lassen sich hier nicht formulieren.

Mit der Vorhersage der Transfusionswahrscheinlichkeit bei Traumapatienten befasste sich anschließend Dr. Ingeborg Bretschneider vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Hiervon ist ja schlußendlich abhängig, ob, wann und wieviel transfundiert wird. Dies kann man wohl im Einzelfall nur individuell entscheiden, hier hilft jedoch immens die Kenntnis der aktuellen Datenlage sowie eine jahrelange klinische Erfahrung. Am Christoph 22 in Ulm werden EK vorgehalten, kommen aber nur in seltenen Fällen, dann aber potentiell lebensrettend, zum Einsatz.

Den Abschluss dieser Session machte Frau Dr. Veronika Weichert vom Christoph 9, die von den gemachten Erfahrungen mit Blut auf dem RTH berichtete. Sie beleuchtete auch nochmal die hohen logistischen und organisatorischen Anforderungen an die Vorhaltung von EKs im RTH. Persönlich interessant fand ich nebenbei auch den vorgestellte kleinen Infusionswärmer.

 

Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Session zum Stellenwert der Windenrettung.

Cpt. Otto vom ADAC berichtete zunächst eindrücklich und berührend von seinen Einsatzerfahrungen bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal. Seine Schilderungen ließen keinen Zuhörer kalt. 

Anschließend berichtete Prof. Matthias Straub vom Windenprojekt des Straubinger ADAC RTH. Auch wenn es sich hier nicht um alpines Terrain handelt, wo der Hubschrauber oftmals das einzigste Rettungsmittel mit zeitnaher Zugriffsmöglichkeit zum Patienten ist konnte auch im Bayrischen Wald und somit im Mittelgebirge gezeigt werden, dass dadurch die Versorgungsqualität verbesserst und sogar mitunter Ressourcen geschont werden können. Somit decken sich wie ich weiß die Erfahrungen auch mit denen des Christoph 54 in Freiburg und somit im Schwarzwald. Sowohl im Bayrischen Wald wie im Schwarzwald kooperieren die dreiköpfigen Besatzungen bei Einsätzen mit der Bergwacht. Dies wird insbesondere deswegen  selbst bei einfachem Gelände notwendig, weil der HEMS TC dann zum Hoist Operator wird und somit dem Notarzt nicht mehr unterstützen kann.

Passend dazu beschäftigte sich abschließend Dr. S. Rauch aus Südtirol mit der Frage, ob bei der Windenrettung der Arzt zum Patienten muss oder nicht. Oftmals ist dies von der Beschaffenheit der Einsatzstelle abhängig. In der Felswand wären eh keine notfallmedizinischen Massnahmen möglich und für die Rettung bedarf es exzellenter alpinistischer Fertigkeiten. Auch in der Statistik zeigt sich, dass in der Mehrzahl der Windeneinsätze (egal an welchem Standort) nur selten differenzierte notfallmedizinische Massnahmen direkt am Unfallort notwendig werden. Daher kann die Eingangsfrage grundsätzlich zumeist verneint werden, jedoch sollte man sich bei Einsatzlagen, bei denen die notärztliche Kompetenz direkt am Patienten gebraucht wird sich nicht dieser Option berauben. Daher sollten schon auch alle Ärzte entsprechend geschult sein (Winde an sich, Verhalten im ausgesetzten Gelände, Strategien der "Outdoor"-Rettung,...)

 

Während drinnen die Teilnehmer die interessante Veranstaltung verfolgten hatte die Ulmer Bevölkerung passend zum 50jährigen Luftrettungsjubiläum in Ulm direkt vor dem Münster die Gelegenheit eine ausgestellte "echte" H145 zu besichtigen und sich über die notfallmedizinische Arbeit des ADAC und der Bundeswehr zu informieren.

 

Ankündigung:

Die Messe AirMed ist in Salzburg 28.-30.06.2022

Die 7. Mitteleuropäische Luftrettungstagung ist in Bozen (Südtirol) am 22.10.2022

Persönliche Tagungsnachlese: agswn - Jahrestagung 2021 Teil 2

Die nächste Sitzung stand unter dem Motto „aktuelles aus der Kreislauftherapie“. Den Aufschlag machte Volker Wenzel zu den vasoaktiven Substanzen. Wer hier einen Hardliner-Vortrag erwartet hat, denn Prof. Wenzel hat die entsprechende Forschung in den letzten Jahrzehnten hierzu mit geprägt, wurde enttäuscht. Dies war auch nicht weiter schlimm, denn er rückte die Bedeutung ins rechte Licht, die nämlich eher v.a. im Rahmen der Reanimation eher gering ist. Die effektive Thoraxkompression und frühe Defibrillation ist viel wichtiger, da gibt einfach nichts dran zu rütteln. Anschließend wurde Björn Hossfeld aus Ulm zugeschalten zur Volumentherapie. Er erinnerte und ermahnte in seiner gewohnt souveränen und fundierten Art an die grundsätzliche Empfehlung zur Zurückhaltung bei der Volumengabe. Es ist so einfach: Eine Volumengabe braucht es nur bei einem Volumenmangel. Beim hämorrhagischen Schock, also einem effektiven Blutverlust, sind die kristallinen Lösungen wenig hilfreich, weil ihr Volumeneffekt gering ist. Hier haben dann bei Fehlen von Alternativen kolloidale Lösungen eingeschränkt und zurückhaltend weiterhin ihre Berechtigung, die vorgeschriebene Schulung natürlich vorausgesetzt. Bestenfalls ersetzt man zielgenau das verlorene Substrat, also die defizitären Blutbestandteile an sich. Hierzu gibt es ja mittlerweile auch in Deutschland mehrere Pilotprojekte zur präklinischen EK-Gabe.

Es ist mühsam die Erfahrungen aus anderen Ländern und Settings (Skandinavien, Metropole London, militärische Strukturen etc) auf das deutsche Gesundheits- und Rettungssystem zu übertragen und schlägt vermutlich auch fehl. Vielmehr müssen wir diesbezüglich unseren eigenen deutschen wenn nicht sogar regionalen Weg finden. Abschließend ergriff Harald Genzwürker nochmal das Mikrofon und erinnerte an das Vorhaben der agswn eine empfehlende Medikamentenliste zu erstellen. Dies ist aber kein einfaches Unterfangen, da viele Variablen hier eingehen bis hin zu einem nicht selten erheblichen Geschmackseinfluss von den Leitungskräften. Grundsätzlich sind neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten hier aber v.a. die Praktikabilität zu beachten. Eine „one size fits all“-Lösung gibt es hier wohl nicht.

 

Die folgende Sitzung trug den gleichen Namen wie traditionell die Jahrestagung an sich: „State of the art“. Frank Weilbacher berichtete unter dem Thema „das Beste aus der Wissenschaft“ zwei sehr interessante Studien zur Effektivität des Berliner STEMO-Projekts (CT und Lyse bei Schlaganfall vor Ort in einem speziellen Fahrzeug) und Versorgungsstrategie bei persistierendem Kammerflimmern. Für mich als Kind der Freiburger Uniklinik-Schule mit frühem bis sogar präklinischen Einsatz der ECLS natürlich ein hot topic. Aber ganz klar, beide Projekte kommen eher im städtischen Bereich und weniger bis gar nicht im ländlichen Raum zum Tragen. Der nächste Programmpunkt in dieser Session war mir persönlich eine besondere Freude: Mein geschätzter Kollege und Freund Jürgen Knapp durfte den diesjährigen Martin-Kirschner-Preis für seine Arbeit zur Implementation der Videolaryngoskopie in einem großen Luftrettungsunternehmen entgegennehmen. Herzlichen Glückwunsch lieber Jürgen – dies hast Du Dir wirklich verdient!

 

Nach der Mittagspause folgte die Sitzung „Kommunikation“. Den Beginn machte Rolando Rossi, ein „Altmeister“ der deutschen präklinischen Notfallmedizin mit seinen Ausführungen zur strukturierten Patientenübergabe. Ein Thema, welches zwar eigentlich einleuchtend ist aber dennoch oftmals vernachlässigt wird. Da die Übergabe eine Fertigkeit ist, ist es erlern- und trainierbar, müßte hierzu aber in der Aus- und Fortbildung mehr thematisiert werden.

Nun kam es zu meinem eigenen Beitrag unter der Überschrift „Notarzt als Teamleader – human factors“. Hierzu werde ich auch nochmal einen eigenen Beitrag verfassen. Abschließend folgte in dieser Sitzung ein wahrliches „hot“ topic mit der taktischen Lage durch Dennis Ritter aus Koblenz. Hier hat mir besonders gut gefallen, dass Dennis herausgestellt hat, dass wir hierbei nicht nur an Amok und Terror denken dürfen, sondern es schon bei einer häuslichen Gewalt oder Rempelei auf der Partymeile beginnt.

 

Die vorletzte Session behandelte dann die „Hot Topics 2021“ unter dem Vorsitz meines guten Freundes Albrecht Henn-Beilharz. Thomas Schlechtriemen berichtete über die Implikationen von Covid19 auf den Rettungsdienst am Beispiel des Saarlandes bis hin zu den aktuellen Test- und Impfkampagnen. Mein Eindruck ist, dass die Kuh mit der Infektionsgefahr für das Rettungsdienstpersonal aktuell schon ziemlich vom Eis ist, aber es kommen vermutlich erneut große Herausforderungen im Rahmen der auf uns zu rollenden dritten Welle auf uns zu. Anschließend gab Carsten Lott, für mich ein ERC-Ziehvater seit der ersten Stunde, einen Ausblick auf die kommenden ERC-Leitlinien. Noch ca zwei Wochen und aus den Vermutungen werden klare Aussagen, und daher möchte ich diese Zeit lieber noch warten als mich heute nebulös ausdrücken. Aber ich freue mich schon sehr auf die Umsetzung der neuen Leitlinien im (prä-)klinischen Alltag und Kursgeschäft.

 

Den Abschluss der Jahrestagung bildeten die Kollegen Tim Piepho und Bernd Landsleitner mit ihren Ausführungen zur pädiatrischen Atemwegssicherung und Grundsätze der Polytraumaversorung von Kindern. Ein Thema, welches auch erfahrene Notärzte immer wieder demütig macht, weil es ein seltenes aber herausforderndes Ereignis ist. Ich bin froh, dass sich neben den einschlägigen Kurskonzepten auch mittlerweile eine breitere Palette an hilfreichen Ausrüstungsgegenständen etabliert haben, die in vielen Situationen einen rettenden „Plan B“ darstellen.

 

Dies war mein kurzer Abriss zur Jahrestagung 2021 der agswn. Ich bin stolz, dass ich wieder vor Ort sein und einen aktiven Beitrag leisten durfte. Auch auf die Arbeit der agswn an sich will ich mal in einem eigenen Beitrag eingehen, weil es hier den Rahmen endgültig sprengen würde.

 

Auch wenn ich mit dieser Veranstaltung sehr zufrieden war, so freue ich mich doch schon jetzt wieder sehr darauf, dass wir uns hoffentlich 2022 wieder persönlich und im großen Rahmen zum Austausch in Baden-Baden treffen können.

Persönliche Tagungsnachlese: agswn - Jahrestagung 2021 Teil 1

Auch für die Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Notärzte agswn ist die Pandemie eine spannende Zeit. Die Stakeholder dort sind in der Regel Leitungskräfte in großen Kliniken oder sonstigen Institutionen und sind somit seit über einem Jahr sehr eingespannt. Hinzu kommen die Kontaktbeschränkungen, die persönliche Treffen von der Vorstandssitzung bis zur Jahrestagung unmöglich machten. So musste auch die Jahrestagung 2020, welche traditionell zur Zeit der Krokusblüte in Baden-Baden stattfindet, recht kurzfristig abgesagt werden. Auch dieses Jahr schien die Jahrestagung pandemiebedingt unter keinem Stern zu stehen, an eine Präsenzveranstaltung mit allen Interessierten im Kongresshaus war nicht zu denken. Aber man wollte dennoch eine Jahrestagung anbieten, denn die notfallmedizinischen Fortbildungsveranstaltungen sind ja allgemein aktuell rar geworden. Nun ist es zumindest gelungen, dass sich unter strengen Regularien der Vorstand und die Referenten persönlich in Baden-Baden treffen konnten. Es hatte zwar an Einzeltischen, Verpflegung am Tisch und Einbahnverkehr auf den Wegen den Charme eines Staatsexamens mit Schummelschutz, aber immerhin konnte man sich so zumindest „auf Zuruf“ in den Pausen austauschen. Da bekannt ist, dass es keineswegs einfacher ist online einer Veranstaltung zu folgen als in einem Vortragssaal, wurde bewußt die Tagung auf einen einzelnen Tag eingedampft und bei gleicher Vortragszahl die Sprechdauer auf 10min pro Referent gemäß dem Motto „in der Kürze liegt die Würze“ kondensiert. Dies ist zwar für die Referenten, welche ja bekannterweise gerne stundenlang über ihr Steckenpferd sprechen würden, gehörig anstrengend, hat aber hervorragend geklappt und die Veranstaltung kurzweilig gehalten.

Das Onlineangebot hat dazu geführt, dass sich deutlich mehr Besucher für die Jahrestagung angemeldet haben, weil die Schwelle/der Aufwand hierfür natürlich geringer war als sich nach Baden-Baden auf zu machen. Die agswn hat es in meinen Augen geschafft dadurch ihre Arbeit einem breiteren Publikum zu präsentieren als sonst, jede Einschränkung muss auch seine Vorteile haben.

 

Der Tag begann mit einer Sitzung unter dem flotten Namen „Germanys next Top-Notarzt“. Zunächst stellte der Vorsitzende der BAND Florian Reifferscheid das neue Kursbuch Notfallmedizin für die 80h-Kurse zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin vor. Florian arbeitete schön heraus, dass das bisherige Kursbuch wirklich überholt und medizindidaktisch verbesserungswürdig war. Natürlich ist auch das neue Buch eher ein Minimalkompromiss zwischen den Entscheidungsträgern mit unterschiedlichen Grundinteressen. Aber dennoch wird es eine deutliche Verbesserung der Ausbildung darstellen. Grundsätzlich erinnert es uns Alle an die Verpflichtung eine gute Grundausbildung für diese herausfordernde Tätigkeit an zu bieten. Weiterhin ist die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin die einzigste ZB ohne Facharztbezeichnung als Voraussetzung. Und der zeitliche Umfang des Kurses ist im Vergleich zu anderen ZB in meinen Augen wirklich Hohn und Spott wenn man bedenkt, welche Verantwortung aus dieser ZB erwächst. Ich möchte keiner anderen Qualifikation zu nahe treten, aber so sind in der Regel mindestens eine Dauer von vier Wochen Ausbildung normal. Nur der Notarzt wird nach einem Kurs von einer guten Woche in das Einsatzpraktikum entlassen. Nur ändern wird man in Zeiten knapper Ressourcen (finanziell wie personell) spontan wohl wenig können, daher pflichte ich Florian vollkommen bei zumindest innerhalb dieser 80h medizindidaktisch ein Maximum heraus zu holen. Anschließend berichtete Frank Koberne über das in Freiburg entwickelte und gelebte Rezertifizierungsprogramm für die aktiven Notärzte im Rettungsdienstbereich. Engagiert will man dadurch dem Missstand entgegenwirken, dass in Ba-Wü keine notfallmedizinische Fortbilungspflicht zum Erhalt der ZB besteht gemäß dem Motto „einmal Notarzt, immer Notarzt“. Möchte kurz erwähnen, dass dies bei vielen anderen ZB auch strenger geregelt ist. Ich hoffe, dass Curricula wie aus Freiburg Schule machen und flächendeckend Einzug halten. Aber dies wird in Zeiten von Vermittlungsagenturen aufgrund Personalmangels wohl vorerst ein frommer Wunsch bleiben...

 

Die nächste Sitzung nannte sich „neue Strukturen“. Harald Genzwürker stellte hierbei den aktuellen Stand bei den Ersthelfer-Apps vor. Immer mehr angeschlossene Regionen entstehen, doch flächendeckend konnte es bisher nicht werden. Weiterhin ist es dem Engagement von Menschen wie Harald zu verdanken, dass solch sinnvolle Systeme umgesetzt und v.a. gelebt werden. Positive Beispiele geretteter Patienten gibt es genug... Weiter machte Erik Popp mit den Erfahrungen des Heidelberger Medical Intervention Car (MIC) incl. der Umsetzung erweiterter invasiver Massnahmen. Ich war erneut begeistert von der zurückhaltenden Darstellung dieser erweiterten Möglichkeiten trotz der eigenen Begeisterung für dieses Projekt, weil auch den Heidelberger Machern klar ist, dass es eine ganz besondere Struktur bzw. System für die erfolgreiche Implementierung braucht. Erik eröffnet uns aber mit seinen Kollegen einen innovativen Blick in die Zukunftsoptionen der präklinischen Notfallmedizin. Normalerweise erregt man ja mit Rechtsvorschriften nicht gerade Aufmerksamkeit nach den spannenden Berichten über das MIC, aber die Pressemitteilung zum neuen Rettungsdienstplan Ba-Wü erregte doch großes Aufsehen und zog somit auch die Tagungsteilnehmer schnell in ihren Bann. Man muss sich schon mehr als verwundert die Augen reiben, wie sich das Land die Zukunft des Rettungsdienstes vorstellt. Ein wahres Erdbeben wäre die Folge und wäre in meinen Augen ein gewaltiger Rückschritt trotz der ganzen angepriesenen vermeintlichen Verbesserungen. Aber hierzu will ich bei Gelegenheit mal separat eingehen, sobald auch mehr Detailinformationen vorliegen. Ich möchte Eddi aber schon mal sehr für seinen Ausblick und die Deutung der Pläne danken.

 

Fortsetzung folgt

Läuft: MEDI-LEARN LNA/OrgL-Kurs online

Eigentlich wäre ich jetzt in Düsseldorf und würde dort im DRK Bildungszentrum in Kooperation mit MEDI-LEARN den LNA/OrgL-Kurs besuchen. Aber dieses Jahr ist halt aufgrund der Pandemie alles anders als geplant. 

Aber hier möchte ich schonmal einen herzlichen Dank den Kursveranstaltern und Dozenten aussprechen: Im Gegensatz zu vielen anderen Veranstaltungen wurde dieser Kurs nicht abgesagt und der Kopf damit in den Sand gesteckt. Gerade jetzt ist doch eine Aus-/Weiter- und Fortbildung wichtig! Wir wollen doch Kompetenzen und Qualifikationen ausbauen, denn es wird dringend gebraucht! 

Mit einem unglaublichen Aufwand haben die Verantwortlichen von MEDI-LEARN einen Online-Kurs auf die Beine gestellt, ohne dass der Praxisanteil darunter leidet. Gerade weil ich technisch eigentlich nicht so bewandert bin, begeistern mich die einfach anwendbaren technischen Optionen (App's, Plattformen), welche neben der Vorträgen auch die klassischen Gruppenarbeiten möglich machen, so dass ich den persönlichen Kontakt nur mittelgradig vermisse (mit Ausnahme der Pausenkommunikation - bei der man ja auch immer ordentlich viel mitnehmen kann).

So befinde ich mich aktuell quasi in "Fortbildungs-Quarantäne" und lebe diese acht Kurstage wohl "sicherer/gesünder" als im normalen Job/Leben. Dies hat den Vorteil, dass ich danach recht sicher wieder im Job/Familie gesund und voll zur Verfügung stehe, was aktuell bei einer Präsenzveranstaltung nicht gegeben ist. Spätestens wenn jemand im Präsenzkurs positiv getestet wird ist das Kind im Brunnen und schon wegen der Quarantäne ist man erst einmal weg vom Fenster.

Auch was die Dozenten angeht finde ich den Online-Kurs nicht schlecht: Man kann wirklich auf Experten zurück greifen ohne sie zeitlich Übermaßen in Anspruch zu nehmen, weil sie eine lange Anreise haben und dadurch eine gewisse Infektionsgefahr eingehen. Die Dozenten sind ja klassischerweise selber in Führungsfunktionen und können so aus sicherer Umgebung heraus unterrichten und stehen danach unmittelbar wieder ihrem beruflichen/privaten Umfeld zur Verfügung. Wenn ich mir da überlege wie viele Stunden ich schon im Auto/Zug/Flieger gesessen bin um dann schlußendlich einen 30min Vortrag  zu halten... Klar gibt es einen Abzug für den mangelnden persönlichen Kontakt/Austausch, aber es ist für mich hinnehmbar, zumal wenn es auch noch eine Kontaktmöglichkeit zwischen Dozent und Teilnehmer (Chat o.ä.) gibt.

Beim aktuellen Kurs leidet aber auf jeden Fall auch nicht die Menschlichkeit und somit Authentizität der Dozenten/Betreuer. Mit höchster Professionalität aber kollegialem Austausch auf Augenhöhe wird unterrichtet, was ich als sehr angenehm empfinde - herzlichen Dank!

Klar kann man nicht alle Veranstaltungen online abhalten, v.a. wenn es um manuelle Fertigkeiten geht - aber man sollte es nicht pauschal abtun, nur weil man selber nicht technisch bewandert ist. Wie auch in vielen anderen Bereichen ist aktuell auch hier Flexibilität und Lernbereitschaft von Allen gefragt.

Herzlichen Dank für die tolle und wertvolle Erfahrung!

Veranstaltungsnachlese: Intec des Emergency Schulungszentrums in Bern

Diese Woche hatte ich die große Ehre und Freude als Dozent an das EMERGENCY Schulungszentrum eingeladen zu werden. EMERGENCY ist eigentlich in Zofingen (Kanton Aargau, CH) ansässig. Der Kursus "Invasive Notfalltechniken" findet jedoch am und in Kooperation mit dem Anatomischen Institut der Uni Bern statt.

Einen ganzen Tag lang wird dort sehr praxisnah am anatomischen Präparat geübt. Kurze theoretische Inputs werden zwischen die vorgestellten Massnahmen eingestreut. Der Materialaufwand ist immens aber auch bewußt gewählt, damit alle Teilnehmer genug Verbrauchsmaterialien zur Verfügung haben und parallel geübt werden kann.

Der Kurs richtet sich an alle Interessierten aus der Notfall- und Akutmedizin, also Dipl. Rettungssanitäter HF, Anästhesiepflege, Ärzte etc., welche in die Verlegenheit kommen invasive Massnahmen zu ergreifen oder zumindest assistieren zu müssen. Hierbei sind die zugesprochenen Kompetenzen der nichtärztlichen Schweizer Kollegen umfangreicher als beim deutschen Pendant. Persönlich hat mich auch überrascht, welche diversen Techniken und Produkte bei den unterschiedlichen Rettungsdiensten in der Schweiz vorgehalten werden.

 

Begonnen wird zunächst gar nicht mit invasiven Massnahmen an sich: Am anatomischen Präparat werden alle Tools der supraglottischen Atemwegssicherung (LMA, LT, I-Gel) und der verschiedenen Verfahren der endotrachealen Intubation (Konventionelle Laryngoskopie, Videolaryngoskopie, "Bougie-Technik" bis hin zur "halb-invasiven" retrograden Intubation) geübt. Für mich sind diese Übungseinheiten aber sehr wichtig und ein ganz wichtiger Bestandteil der Veranstaltung - man kann halt nicht besser und praxisnäher üben als am anatomischen Modell, so dass es eine Sünde wäre diese Chance aus zu lassen. Besteht eine entsprechend ausgiebige Expertise bei den Teilnehmern kann man ja flott drüber hinweg gehen. Weiter geht es dann mit dem Ventrain-System und der Jet-Beatmung, um überbrückend bis zur Atemwegssicherung die Oxygenierung sicher zu stellen. Anschließend werden verschiedenste Verfahren der Koniotomie vorgestellt und praktisch geübt.

Nach der Mittagspause widmeten wir uns ausführlich den unterschiedlichen Strategien der Thoraxentlastung bei Spannungspneumothorax und dem Einlegen einer Bülaudrainage im Sinne einer lateralen Minithorakotomie. Den Abschluss bildeten Übungen zum intraossären Zugang an den verschiedensten Punktionsstellen.

 

Ich hatte ja einen gewissen Vergleich, denn ich war ja bereits begeisterter Teilnehmer eines Intech-Kurses bei den Kollegen der Uniklinik Heidelberg. Meiner Meinung nach haben beide Veranstaltungen ihre individuellen Stärken und Zielsetzungen, einen endgültigen Vergleich braucht man aber gar nicht an zu stellen bzw. wäre nicht zielführend, da man Äpfel mit Birnen vergleichen würde. Ganz klar sind es aber keinesfalls Konkurrenzveranstaltungen, sondern eher "Brüder im Geiste". Grundsätzlich mangelt es meiner Einschätzung nach an Veranstaltungsangeboten dieser Art, so dass es prinzipiell mehr Bedarf als Kursplätze gibt. Beim Intec des EMERGENCY Schulungszentrums melden sich traditionell mehrheitlich Dipl. Rettungssanitäter an und die Ärzte sind in der Minderheit - wünschenswert wäre hier ein größeres ärztliches Interesse, denn auch in deren Ausbildung kommen die invasiven Massnahmen ja deutlich zu kurz.

 

Bewußt wird bei EMERGENCY auf die erweiterten invasiven Massnahmen wie Clamshell-Thorakotomie, REBOA, Nähte etc verzichtet, in Heidelberg bei Intech werden sie im "Advanced-Kursformat" vermittelt. Würde man diese komplexen Massnahmen auch in Bern abhandeln wollen, würde es den Rahmen der eintägigen Veranstaltung deutlich sprengen. Abgesehen von der Clamshell-Thorakotomie braucht man hierfür zudem ein erweitertes Equipment. Wird dies im eigenen Arbeitsumfeld nicht vorgehalten, macht auch ein entsprechendes Training keinen Sinn. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich damals in Heidelberg auch von der Vermittlung dieser Prozeduren sehr profitiert habe, da ich mir hauptsächlich eine fundierte Meinung bilden wollte und mir nicht eingebildet habe danach diese Massnahmen zu beherrschen.

 

Als Dozent war der Tag in Bern für mich eine sehr große Bereicherung fachlich wie menschlich und ich durfte erneut im kollegialen Dialog viel dazu lernen. Zudem konnte ich auch ordentlich und ausgiebig "Hand anlegen", was mein Handling weiter verbessert hat. Schließlich komme ich ja, glücklicherweise, auch nicht routinehaft dazu.

 

Kurzum: Die Notwendigkeit invasiver Massnahmen ist glücklicherweise ein seltenes Ereignis, ich bin aber leider auch davon überzeugt, dass sie wenn auch indiziert aus Angst häufig nicht durchgeführt werden. Man denke hier nur an die Ergebnisse der Berliner Studie über vermeidbare Todesfälle in der präklinischen Notfallmedizin. Hier sollten wir vigilanter werden und mehr fortbilden/schulen/üben. Daher kann ich die Veranstaltung absolut empfehlen!

 

Herzlichen Dank für die Gelegenheit als Dozent mitwirken zu können und mich würde eine Wiederholung sehr freuen.

 

Hier der Link zur Veranstaltung