Meducation

In der Einführung habe ich es bereits skizziert, neben der Notfallmedizin an sich ist das damit verbundene Medical Education eine große Leidenschaft von mir. Ich habe große Freude mittels Vortrag, Seminar, Kursinstruktion,  Lehrgespräch/Education, Veröffentlichungen etc. Wissen weiter zu geben. Allerdings bin ich mir bewußt, dass es in der Erwachsenenbildung kaum noch möglich ist Faktenwissen effektiv konventionell zu vermitteln. Vielmehr liegt die Aufgabe des Lehrenden in der Erwachsenenbildung darin das „Feuer der Motivation“ beim Lernenden zu entzünden, sich selbst mit der Thematik zu beschäftigen und dadurch zu lernen. Am effektivsten ist dies natürlich, wenn man selbst für die Thematik „brennt/lodert“, weshalb ich mich bei meinen Lehraktivitäten auf Herzensthemen beschränke und nicht beispielsweise Themen aus der Haushaltsarbeit oder Steuerrecht erörtere.

 

Im Sinne eines „Recycling“ will ich im Folgenden Lehrtätigkeiten von mir nochmal aufgreifen und Inhalte dadurch nochmal bereit stellen.

 

Meine nächsten Stationen sind u.a.:

Notarztkurs Langenargen 08.-15.10.2017 http://www.notarztkurs.de

MEDIZIN Stuttgart 26.-28.1.2018 https://www.messe-stuttgart.de/medizin/

Symposium Intensivmedizin Bremen 14.-16.2.2018 http://www.intensivmed.de

agswn Jahrestagung Baden-Baden 9./10.03.2017 https://www.agswn.de/jahrestagung

STEWI meets EMStage 27.-29.4.2018  http://www.thestewi.ch/index.php/stewi-meets-emstage

STEWI 14.-16.9.2018 http://www.thestewi.ch

 

Persönliche Tagungsnachlese: agswn - Jahrestagung 2021 Teil 2

Die nächste Sitzung stand unter dem Motto „aktuelles aus der Kreislauftherapie“. Den Aufschlag machte Volker Wenzel zu den vasoaktiven Substanzen. Wer hier einen Hardliner-Vortrag erwartet hat, denn Prof. Wenzel hat die entsprechende Forschung in den letzten Jahrzehnten hierzu mit geprägt, wurde enttäuscht. Dies war auch nicht weiter schlimm, denn er rückte die Bedeutung ins rechte Licht, die nämlich eher v.a. im Rahmen der Reanimation eher gering ist. Die effektive Thoraxkompression und frühe Defibrillation ist viel wichtiger, da gibt einfach nichts dran zu rütteln. Anschließend wurde Björn Hossfeld aus Ulm zugeschalten zur Volumentherapie. Er erinnerte und ermahnte in seiner gewohnt souveränen und fundierten Art an die grundsätzliche Empfehlung zur Zurückhaltung bei der Volumengabe. Es ist so einfach: Eine Volumengabe braucht es nur bei einem Volumenmangel. Beim hämorrhagischen Schock, also einem effektiven Blutverlust, sind die kristallinen Lösungen wenig hilfreich, weil ihr Volumeneffekt gering ist. Hier haben dann bei Fehlen von Alternativen kolloidale Lösungen eingeschränkt und zurückhaltend weiterhin ihre Berechtigung, die vorgeschriebene Schulung natürlich vorausgesetzt. Bestenfalls ersetzt man zielgenau das verlorene Substrat, also die defizitären Blutbestandteile an sich. Hierzu gibt es ja mittlerweile auch in Deutschland mehrere Pilotprojekte zur präklinischen EK-Gabe.

Es ist mühsam die Erfahrungen aus anderen Ländern und Settings (Skandinavien, Metropole London, militärische Strukturen etc) auf das deutsche Gesundheits- und Rettungssystem zu übertragen und schlägt vermutlich auch fehl. Vielmehr müssen wir diesbezüglich unseren eigenen deutschen wenn nicht sogar regionalen Weg finden. Abschließend ergriff Harald Genzwürker nochmal das Mikrofon und erinnerte an das Vorhaben der agswn eine empfehlende Medikamentenliste zu erstellen. Dies ist aber kein einfaches Unterfangen, da viele Variablen hier eingehen bis hin zu einem nicht selten erheblichen Geschmackseinfluss von den Leitungskräften. Grundsätzlich sind neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten hier aber v.a. die Praktikabilität zu beachten. Eine „one size fits all“-Lösung gibt es hier wohl nicht.

 

Die folgende Sitzung trug den gleichen Namen wie traditionell die Jahrestagung an sich: „State of the art“. Frank Weilbacher berichtete unter dem Thema „das Beste aus der Wissenschaft“ zwei sehr interessante Studien zur Effektivität des Berliner STEMO-Projekts (CT und Lyse bei Schlaganfall vor Ort in einem speziellen Fahrzeug) und Versorgungsstrategie bei persistierendem Kammerflimmern. Für mich als Kind der Freiburger Uniklinik-Schule mit frühem bis sogar präklinischen Einsatz der ECLS natürlich ein hot topic. Aber ganz klar, beide Projekte kommen eher im städtischen Bereich und weniger bis gar nicht im ländlichen Raum zum Tragen. Der nächste Programmpunkt in dieser Session war mir persönlich eine besondere Freude: Mein geschätzter Kollege und Freund Jürgen Knapp durfte den diesjährigen Martin-Kirschner-Preis für seine Arbeit zur Implementation der Videolaryngoskopie in einem großen Luftrettungsunternehmen entgegennehmen. Herzlichen Glückwunsch lieber Jürgen – dies hast Du Dir wirklich verdient!

 

Nach der Mittagspause folgte die Sitzung „Kommunikation“. Den Beginn machte Rolando Rossi, ein „Altmeister“ der deutschen präklinischen Notfallmedizin mit seinen Ausführungen zur strukturierten Patientenübergabe. Ein Thema, welches zwar eigentlich einleuchtend ist aber dennoch oftmals vernachlässigt wird. Da die Übergabe eine Fertigkeit ist, ist es erlern- und trainierbar, müßte hierzu aber in der Aus- und Fortbildung mehr thematisiert werden.

Nun kam es zu meinem eigenen Beitrag unter der Überschrift „Notarzt als Teamleader – human factors“. Hierzu werde ich auch nochmal einen eigenen Beitrag verfassen. Abschließend folgte in dieser Sitzung ein wahrliches „hot“ topic mit der taktischen Lage durch Dennis Ritter aus Koblenz. Hier hat mir besonders gut gefallen, dass Dennis herausgestellt hat, dass wir hierbei nicht nur an Amok und Terror denken dürfen, sondern es schon bei einer häuslichen Gewalt oder Rempelei auf der Partymeile beginnt.

 

Die vorletzte Session behandelte dann die „Hot Topics 2021“ unter dem Vorsitz meines guten Freundes Albrecht Henn-Beilharz. Thomas Schlechtriemen berichtete über die Implikationen von Covid19 auf den Rettungsdienst am Beispiel des Saarlandes bis hin zu den aktuellen Test- und Impfkampagnen. Mein Eindruck ist, dass die Kuh mit der Infektionsgefahr für das Rettungsdienstpersonal aktuell schon ziemlich vom Eis ist, aber es kommen vermutlich erneut große Herausforderungen im Rahmen der auf uns zu rollenden dritten Welle auf uns zu. Anschließend gab Carsten Lott, für mich ein ERC-Ziehvater seit der ersten Stunde, einen Ausblick auf die kommenden ERC-Leitlinien. Noch ca zwei Wochen und aus den Vermutungen werden klare Aussagen, und daher möchte ich diese Zeit lieber noch warten als mich heute nebulös ausdrücken. Aber ich freue mich schon sehr auf die Umsetzung der neuen Leitlinien im (prä-)klinischen Alltag und Kursgeschäft.

 

Den Abschluss der Jahrestagung bildeten die Kollegen Tim Piepho und Bernd Landsleitner mit ihren Ausführungen zur pädiatrischen Atemwegssicherung und Grundsätze der Polytraumaversorung von Kindern. Ein Thema, welches auch erfahrene Notärzte immer wieder demütig macht, weil es ein seltenes aber herausforderndes Ereignis ist. Ich bin froh, dass sich neben den einschlägigen Kurskonzepten auch mittlerweile eine breitere Palette an hilfreichen Ausrüstungsgegenständen etabliert haben, die in vielen Situationen einen rettenden „Plan B“ darstellen.

 

Dies war mein kurzer Abriss zur Jahrestagung 2021 der agswn. Ich bin stolz, dass ich wieder vor Ort sein und einen aktiven Beitrag leisten durfte. Auch auf die Arbeit der agswn an sich will ich mal in einem eigenen Beitrag eingehen, weil es hier den Rahmen endgültig sprengen würde.

 

Auch wenn ich mit dieser Veranstaltung sehr zufrieden war, so freue ich mich doch schon jetzt wieder sehr darauf, dass wir uns hoffentlich 2022 wieder persönlich und im großen Rahmen zum Austausch in Baden-Baden treffen können.

Persönliche Tagungsnachlese: agswn - Jahrestagung 2021 Teil 1

Auch für die Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Notärzte agswn ist die Pandemie eine spannende Zeit. Die Stakeholder dort sind in der Regel Leitungskräfte in großen Kliniken oder sonstigen Institutionen und sind somit seit über einem Jahr sehr eingespannt. Hinzu kommen die Kontaktbeschränkungen, die persönliche Treffen von der Vorstandssitzung bis zur Jahrestagung unmöglich machten. So musste auch die Jahrestagung 2020, welche traditionell zur Zeit der Krokusblüte in Baden-Baden stattfindet, recht kurzfristig abgesagt werden. Auch dieses Jahr schien die Jahrestagung pandemiebedingt unter keinem Stern zu stehen, an eine Präsenzveranstaltung mit allen Interessierten im Kongresshaus war nicht zu denken. Aber man wollte dennoch eine Jahrestagung anbieten, denn die notfallmedizinischen Fortbildungsveranstaltungen sind ja allgemein aktuell rar geworden. Nun ist es zumindest gelungen, dass sich unter strengen Regularien der Vorstand und die Referenten persönlich in Baden-Baden treffen konnten. Es hatte zwar an Einzeltischen, Verpflegung am Tisch und Einbahnverkehr auf den Wegen den Charme eines Staatsexamens mit Schummelschutz, aber immerhin konnte man sich so zumindest „auf Zuruf“ in den Pausen austauschen. Da bekannt ist, dass es keineswegs einfacher ist online einer Veranstaltung zu folgen als in einem Vortragssaal, wurde bewußt die Tagung auf einen einzelnen Tag eingedampft und bei gleicher Vortragszahl die Sprechdauer auf 10min pro Referent gemäß dem Motto „in der Kürze liegt die Würze“ kondensiert. Dies ist zwar für die Referenten, welche ja bekannterweise gerne stundenlang über ihr Steckenpferd sprechen würden, gehörig anstrengend, hat aber hervorragend geklappt und die Veranstaltung kurzweilig gehalten.

Das Onlineangebot hat dazu geführt, dass sich deutlich mehr Besucher für die Jahrestagung angemeldet haben, weil die Schwelle/der Aufwand hierfür natürlich geringer war als sich nach Baden-Baden auf zu machen. Die agswn hat es in meinen Augen geschafft dadurch ihre Arbeit einem breiteren Publikum zu präsentieren als sonst, jede Einschränkung muss auch seine Vorteile haben.

 

Der Tag begann mit einer Sitzung unter dem flotten Namen „Germanys next Top-Notarzt“. Zunächst stellte der Vorsitzende der BAND Florian Reifferscheid das neue Kursbuch Notfallmedizin für die 80h-Kurse zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin vor. Florian arbeitete schön heraus, dass das bisherige Kursbuch wirklich überholt und medizindidaktisch verbesserungswürdig war. Natürlich ist auch das neue Buch eher ein Minimalkompromiss zwischen den Entscheidungsträgern mit unterschiedlichen Grundinteressen. Aber dennoch wird es eine deutliche Verbesserung der Ausbildung darstellen. Grundsätzlich erinnert es uns Alle an die Verpflichtung eine gute Grundausbildung für diese herausfordernde Tätigkeit an zu bieten. Weiterhin ist die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin die einzigste ZB ohne Facharztbezeichnung als Voraussetzung. Und der zeitliche Umfang des Kurses ist im Vergleich zu anderen ZB in meinen Augen wirklich Hohn und Spott wenn man bedenkt, welche Verantwortung aus dieser ZB erwächst. Ich möchte keiner anderen Qualifikation zu nahe treten, aber so sind in der Regel mindestens eine Dauer von vier Wochen Ausbildung normal. Nur der Notarzt wird nach einem Kurs von einer guten Woche in das Einsatzpraktikum entlassen. Nur ändern wird man in Zeiten knapper Ressourcen (finanziell wie personell) spontan wohl wenig können, daher pflichte ich Florian vollkommen bei zumindest innerhalb dieser 80h medizindidaktisch ein Maximum heraus zu holen. Anschließend berichtete Frank Koberne über das in Freiburg entwickelte und gelebte Rezertifizierungsprogramm für die aktiven Notärzte im Rettungsdienstbereich. Engagiert will man dadurch dem Missstand entgegenwirken, dass in Ba-Wü keine notfallmedizinische Fortbilungspflicht zum Erhalt der ZB besteht gemäß dem Motto „einmal Notarzt, immer Notarzt“. Möchte kurz erwähnen, dass dies bei vielen anderen ZB auch strenger geregelt ist. Ich hoffe, dass Curricula wie aus Freiburg Schule machen und flächendeckend Einzug halten. Aber dies wird in Zeiten von Vermittlungsagenturen aufgrund Personalmangels wohl vorerst ein frommer Wunsch bleiben...

 

Die nächste Sitzung nannte sich „neue Strukturen“. Harald Genzwürker stellte hierbei den aktuellen Stand bei den Ersthelfer-Apps vor. Immer mehr angeschlossene Regionen entstehen, doch flächendeckend konnte es bisher nicht werden. Weiterhin ist es dem Engagement von Menschen wie Harald zu verdanken, dass solch sinnvolle Systeme umgesetzt und v.a. gelebt werden. Positive Beispiele geretteter Patienten gibt es genug... Weiter machte Erik Popp mit den Erfahrungen des Heidelberger Medical Intervention Car (MIC) incl. der Umsetzung erweiterter invasiver Massnahmen. Ich war erneut begeistert von der zurückhaltenden Darstellung dieser erweiterten Möglichkeiten trotz der eigenen Begeisterung für dieses Projekt, weil auch den Heidelberger Machern klar ist, dass es eine ganz besondere Struktur bzw. System für die erfolgreiche Implementierung braucht. Erik eröffnet uns aber mit seinen Kollegen einen innovativen Blick in die Zukunftsoptionen der präklinischen Notfallmedizin. Normalerweise erregt man ja mit Rechtsvorschriften nicht gerade Aufmerksamkeit nach den spannenden Berichten über das MIC, aber die Pressemitteilung zum neuen Rettungsdienstplan Ba-Wü erregte doch großes Aufsehen und zog somit auch die Tagungsteilnehmer schnell in ihren Bann. Man muss sich schon mehr als verwundert die Augen reiben, wie sich das Land die Zukunft des Rettungsdienstes vorstellt. Ein wahres Erdbeben wäre die Folge und wäre in meinen Augen ein gewaltiger Rückschritt trotz der ganzen angepriesenen vermeintlichen Verbesserungen. Aber hierzu will ich bei Gelegenheit mal separat eingehen, sobald auch mehr Detailinformationen vorliegen. Ich möchte Eddi aber schon mal sehr für seinen Ausblick und die Deutung der Pläne danken.

 

Fortsetzung folgt

Veranstaltungsnachlese: Intec des Emergency Schulungszentrums in Bern

Diese Woche hatte ich die große Ehre und Freude als Dozent an das EMERGENCY Schulungszentrum eingeladen zu werden. EMERGENCY ist eigentlich in Zofingen (Kanton Aargau, CH) ansässig. Der Kursus "Invasive Notfalltechniken" findet jedoch am und in Kooperation mit dem Anatomischen Institut der Uni Bern statt.

Einen ganzen Tag lang wird dort sehr praxisnah am anatomischen Präparat geübt. Kurze theoretische Inputs werden zwischen die vorgestellten Massnahmen eingestreut. Der Materialaufwand ist immens aber auch bewußt gewählt, damit alle Teilnehmer genug Verbrauchsmaterialien zur Verfügung haben und parallel geübt werden kann.

Der Kurs richtet sich an alle Interessierten aus der Notfall- und Akutmedizin, also Dipl. Rettungssanitäter HF, Anästhesiepflege, Ärzte etc., welche in die Verlegenheit kommen invasive Massnahmen zu ergreifen oder zumindest assistieren zu müssen. Hierbei sind die zugesprochenen Kompetenzen der nichtärztlichen Schweizer Kollegen umfangreicher als beim deutschen Pendant. Persönlich hat mich auch überrascht, welche diversen Techniken und Produkte bei den unterschiedlichen Rettungsdiensten in der Schweiz vorgehalten werden.

 

Begonnen wird zunächst gar nicht mit invasiven Massnahmen an sich: Am anatomischen Präparat werden alle Tools der supraglottischen Atemwegssicherung (LMA, LT, I-Gel) und der verschiedenen Verfahren der endotrachealen Intubation (Konventionelle Laryngoskopie, Videolaryngoskopie, "Bougie-Technik" bis hin zur "halb-invasiven" retrograden Intubation) geübt. Für mich sind diese Übungseinheiten aber sehr wichtig und ein ganz wichtiger Bestandteil der Veranstaltung - man kann halt nicht besser und praxisnäher üben als am anatomischen Modell, so dass es eine Sünde wäre diese Chance aus zu lassen. Besteht eine entsprechend ausgiebige Expertise bei den Teilnehmern kann man ja flott drüber hinweg gehen. Weiter geht es dann mit dem Ventrain-System und der Jet-Beatmung, um überbrückend bis zur Atemwegssicherung die Oxygenierung sicher zu stellen. Anschließend werden verschiedenste Verfahren der Koniotomie vorgestellt und praktisch geübt.

Nach der Mittagspause widmeten wir uns ausführlich den unterschiedlichen Strategien der Thoraxentlastung bei Spannungspneumothorax und dem Einlegen einer Bülaudrainage im Sinne einer lateralen Minithorakotomie. Den Abschluss bildeten Übungen zum intraossären Zugang an den verschiedensten Punktionsstellen.

 

Ich hatte ja einen gewissen Vergleich, denn ich war ja bereits begeisterter Teilnehmer eines Intech-Kurses bei den Kollegen der Uniklinik Heidelberg. Meiner Meinung nach haben beide Veranstaltungen ihre individuellen Stärken und Zielsetzungen, einen endgültigen Vergleich braucht man aber gar nicht an zu stellen bzw. wäre nicht zielführend, da man Äpfel mit Birnen vergleichen würde. Ganz klar sind es aber keinesfalls Konkurrenzveranstaltungen, sondern eher "Brüder im Geiste". Grundsätzlich mangelt es meiner Einschätzung nach an Veranstaltungsangeboten dieser Art, so dass es prinzipiell mehr Bedarf als Kursplätze gibt. Beim Intec des EMERGENCY Schulungszentrums melden sich traditionell mehrheitlich Dipl. Rettungssanitäter an und die Ärzte sind in der Minderheit - wünschenswert wäre hier ein größeres ärztliches Interesse, denn auch in deren Ausbildung kommen die invasiven Massnahmen ja deutlich zu kurz.

 

Bewußt wird bei EMERGENCY auf die erweiterten invasiven Massnahmen wie Clamshell-Thorakotomie, REBOA, Nähte etc verzichtet, in Heidelberg bei Intech werden sie im "Advanced-Kursformat" vermittelt. Würde man diese komplexen Massnahmen auch in Bern abhandeln wollen, würde es den Rahmen der eintägigen Veranstaltung deutlich sprengen. Abgesehen von der Clamshell-Thorakotomie braucht man hierfür zudem ein erweitertes Equipment. Wird dies im eigenen Arbeitsumfeld nicht vorgehalten, macht auch ein entsprechendes Training keinen Sinn. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich damals in Heidelberg auch von der Vermittlung dieser Prozeduren sehr profitiert habe, da ich mir hauptsächlich eine fundierte Meinung bilden wollte und mir nicht eingebildet habe danach diese Massnahmen zu beherrschen.

 

Als Dozent war der Tag in Bern für mich eine sehr große Bereicherung fachlich wie menschlich und ich durfte erneut im kollegialen Dialog viel dazu lernen. Zudem konnte ich auch ordentlich und ausgiebig "Hand anlegen", was mein Handling weiter verbessert hat. Schließlich komme ich ja, glücklicherweise, auch nicht routinehaft dazu.

 

Kurzum: Die Notwendigkeit invasiver Massnahmen ist glücklicherweise ein seltenes Ereignis, ich bin aber leider auch davon überzeugt, dass sie wenn auch indiziert aus Angst häufig nicht durchgeführt werden. Man denke hier nur an die Ergebnisse der Berliner Studie über vermeidbare Todesfälle in der präklinischen Notfallmedizin. Hier sollten wir vigilanter werden und mehr fortbilden/schulen/üben. Daher kann ich die Veranstaltung absolut empfehlen!

 

Herzlichen Dank für die Gelegenheit als Dozent mitwirken zu können und mich würde eine Wiederholung sehr freuen.

 

Hier der Link zur Veranstaltung

Veranstaltungshinweis für Kurzentschlossene

Heute (24.6.2020) findet der virtuelle Kongress med_KONVENT statt und ich darf ab 14.00 eine Session gestalten, aber auch davor und danach gibt es interessante Talks.

 

Mein Thema lautet: "Wie wir menschlich in einer prozessorientierten Welt miteinander umgehen können"

 

Es geht viel um Leadership und wer hätte es bei mir gedacht auch um die "Human Factors" in der Arbeitswelt.

 

Ich bin froh und stolz damit das Gesundheitszentrum Todtnau bei dieser innovativen Veranstaltung repräsentieren zu dürfen gemäß dem Motto "Wir leben und arbeiten zwar auf dem Land, sind aber nicht hinter dem Mond".

 

Hier der Link der Veranstaltungsagenda:

https://med.bfd-konvent.de/agenda

Notfallmedizin – Mehrkämpfer der Medizin

Häufig werde ich gefragt, warum ich mir denn die Notfallmedizin antue. Man kann doch keinen Spass daran haben zu allen Tages- und Nachtzeiten, unter allen (un-) denkbaren Bedingungen, häufig für wenig oder gar keinen Lohn menschliches Leiden zu erleben. Puh, gar nicht so leicht hierauf eine einfache, ehrliche und verständliche Antwort zu geben...

 

Zunächst bin ich ein unverbesserlicher Bekenner zum Altruismus: Für mich stellt es weiterhin ein großes Privileg und sehr angenehmes Gefühl dar anderen Menschen zu helfen und ihnen in schwierigen Zeiten bei zu stehen. Die Medizin ist hierfür (neben anderen Bereichen) ein Paradebeispiel. Ich verspüre keine Freude an Unglücksfällen, Schicksalen und Leid, ich bin wahrlich nicht g... drauf! Daher bin ich auch für Prävention statt Reaktion. Aber dennoch passieren schreckliche Dinge und meine Tätigkeit ist dann aus dieser gegebenen schlimmen Situation das Beste für den Betroffenen zu machen. Ich habe mir schon häufiger anhören müssen dies sei ein beschönigender Blick durch eine rosa Brille. Ich widerspreche jedoch entschlossen: Für mich ist diese Einstellung real, praktikabel und erfüllend. Gerade durch mein christliches Menschenbild erfüllt mich diese Grundeinstellung und ich lasse mich nicht davon abbringen.

 

Ganz selbstlos bin ich dann jedoch auch nicht, oben habe ich ja auch schon von Erfüllung gesprochen. Ein anderer passender Begriff ist der Reiz und die Motivation für die Tätigkeit. Es ist völlig legitim und auch wichtig, dass man selbst einen Benefit aus seinem Tun erfährt.

 

Meiner Meinung nach kann man dies am besten durch Vergleiche mit anderen Lebensbereichen erklären:

 

Es ist zwar kräftezehrend, aber gleichzeitig mein Antrieb und der Reiz für mich: Sich schnell in ein akutmedizinisches Ereignis ein zu denken um es dann gemeinsam mit einem Team (ggf. unter widrigen Bedingungen) zu bewältigen. Und dies in allen Bereichen, welche die Akutmedizin zu bieten hat – von der Geburt bis hin zum geriatrischen Notfall, vom Trauma bis zur Stoffwechselentgleisung.

Eine sportliche Assoziation ist für mich daher der Zehnkampf, auch wenn es mehr als zehn Bereiche der Akutmedizin gibt. Manchmal ist Ausdauer (verbunden mit strategischem Denken) gefragt, dann wieder Schnelligkeit bzw. Kraft, oft verbunden mit manueller Geschicklichkeit. Man könnte es auch als maximale Vielseitigkeit bezeichnen. 

Nie wird man das Level eines Spitzenathleten einer Einzeldisziplin erreichen, sonst hätte dieser wohl auch was falsch gemacht. Mit großem Respekt und oft auch Bewunderung blicke ich auf die „Großmeister“ EINES Fachs. Dieses Wissen und die Fertigkeiten werde ich nie erreichen, was für mich aber keine Niederlage darstellt und ich lerne gerne von den Expertenratschlägen. 

Es ist sehr schwer gleichzeitig Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Geschicklichkeit zu trainieren und fordert einen ganzheitlichen Ansatz. 

Wie im Sport muss man auch in der Notfallmedizin an die Regeneration denken. Diese wird in beiden Bereichen jedoch oft unterschätzt und daher vernachlässigt. Im Sport spricht man dann von „Übertraining“ und „erhöhtes Verletzungsrisiko“, in der Notfallmedizin neben einem „Verletzungs-/Erkrankungsrisko“ auch von „Burn out“. Wenn Körper, Geist und Seele keine Zeit und Gelegenheit bekommen sich zu erholen ist man erschöpft und fühlt sich ausgelaugt. Es tritt genau das Gegenteil ein von dem, was man sich vorgenommen hat – die Leistung sinkt drastisch, die Motivation ebenso.

Einen Unterschied gibt es dann doch noch zwischen der Notfallmedizin und dem Sport, was ich jedoch als Privileg erachte: Die Zehnkämpfer sind trainierte Einzelkämpfer, die Notfallmedizin ist eine Teamsportart. Die Qualifikation, Training und Erfahrung bestimmen die Rolle im Team, aber nur gemeinsam erreicht man in einer konzertierten Aktion das Ziel. Trainiert werden kann und muss aber auch allein, nicht immer (leider zu wenig) gemeinsam. Jeder muss für sich entscheiden, welche Rolle er in welchem Team einnehmen will und ob er bereit ist die dafür notwendigen „Opfer“ an Qualifikationen und Trainingsaufwand auf sich zu nehmen. Ich sage manchmal etwas scherzhaft: „Are you ready for champions league?“ Ja, diesen Anspruch und somit Ansporn habe ich für mich persönlich gewählt und ich bin noch lange nicht am Ziel, aber ich verstehe Jeden, der für sich und seine Möglichkeiten eine andere Liga anpeilt. Denn der Preis, den ich privat wie beruflich dafür zahle ist hoch und ich bin sehr dankbar, dass mir meine Familie diese Möglichkeit einräumt und mich liebevoll sowie maximal unterstützt. Manchmal bin ich wie besessen und muss daher darauf aufpassen nicht zu übertreiben, sondern ich sollte mich mehr an den Grundfähigkeiten meines Teams orientieren – denn ansonsten geht es schief und die Gesamtperformance leidet. Ich will und kann kein „CR7“ (Christiano Ronaldo) sein, zumal mir dieses divenhafte Auftreten gar nicht liegt. Wenn ich es mir wünschen dürfte, wäre mir die Rolle eines kameradschaftlichen Mannschaftskapitäns mit Blick auf das Wohl der gesamten Gruppe am Liebsten. Hier sei auch noch mal an meinen geklauten Leitspruch erinnert: „Simply try to do your best, not to be the best.“

Abschließend zu diesem Vergleich möchte ich hier auch noch einmal betonen, dass ich überzeugt bin, dass Talent keine große Rolle für den Erfolg spielt, wenn es so etwas überhaupt gibt. Meines Erachtens ist es mehr die Motivation, Beständigkeit und Willenskraft (und manchmal auch Leidensfähigkeit), welche die Voraussetzungen für eine gute Leistungsfähigkeit sind. Topleister zeichnen sich nicht dadurch aus, dass ihnen etwas in die Wiege gelegt wurde, sondern sie arbeiten am eifrigsten, effektivsten und härtesten an sich. Eine weitere Tugend ist der selbstkritische aber konstruktive Umgang mit einer Niederlage. Zumeist sind nicht nur Andere daran schuld, sondern man hat auch dazu mehr oder weniger beigetragen. Es lassen sich aber sicherlich auch Handlungsoptionen für die Zukunft entwickeln, wie man künftig einen schlechten Verlauf abwenden kann.

 

Der zweite Vergleich, der mir in den Sinn kommt ist ein eher Fachlicher: Für mich ist die notfallmedizinische Tätigkeit vergleichbar mit einem Karteikasten voller Karten. Jeder Karte stellt hierbei eine Notfallentität dar und darauf steht mein (theoretisches) Fachwissen, nötige Massnahmen sowie die dadurch praktisch bedingten Fertigkeiten.

In der eigenen Hand liegt nun die Anzahl der Karten und was darauf steht (entsprechend der Qualifikation/Kompetenzen). Es ist wichtig, dass man nicht nur weiß was zu tun ist, sondern die angezeigten Massnahmen auch beherrscht (wobei diese mal leichter und mal schwerer fallen bzw. aus verschiedenen Gründen nicht möglich sind). Hierbei ist Demut und selbstkritisches sowie reflektiertes Denken notwendig. Sind die aktuellen Anforderungen zu hoch, so ist zu versuchen Hilfe herbei zu holen bzw. die richtigen Massnahmen in der Folge zu bahnen. Um effektiv mit den Karten arbeiten zu können braucht es eine Ordnung zwischen und eine Struktur auf den Karten, ebenso können auch mehrere Karten miteinander verknüpft sein. Dies ist höchst interindividuell unterschiedlich, weshalb es diesen Karteikasten auch nicht in Wirklichkeit im Handel gibt, ganz davon abgesehen, dass man die Karten permanent aktualisieren muss. Wir kennen es noch aus der Schule bzw. dem Studium, die Lernkarten nützen jeweils nur dem Verfasser, weil er den Inhalt individuell und personalisiert gestaltet hat.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, wie häufig man die Karten benutzt: Sprich wie viele Einsätze man abarbeitet. Dies ist auch höchst unterschiedlich vom Dienstort, der Einsatzbelastung und dem Einsatzspektrum. So braucht der Eine die Karte „Tauchunfall“ nie, der Andere die Karte „Kletterunfall“ ‚once in a lifetime‘. Andere Karten werden hingegen oft benutzt und man wird dann sogar vielleicht leichtsinnig und leichtfertig im Umgang damit. Ein Zeichen von Professionalität ist auch der Umgang mit einer Situation, für die man keine Karte parat hat. Um sie zu bewältigen muss man eine Essenz aus ähnlichen Karten analytisch möglichst schnell zusammenführen, was aber sehr anstrengend und zeitaufwendig ist, weshalb es eine seltene Ausnahmesituation bleiben sollte.

Was hervorragend funktioniert ist die eigenen fiktiven Karten im Rahmen einer mentalen Simulation (quasi als gedankliche Trockenübung) durch zu gehen. Auch hier hilft die eigene Gestaltung der Karte, denn nur man selbst kann und braucht mit den Inhalten umgehen können. Wichtig ist, dass es zuverlässig und schnell funktioniert. Die praktischen Grundfertigkeiten kann man sich so allerdings nicht beibringen, hierfür braucht es praktische Übungen welcher Art auch immer, aber man kann sich auch Skills mental wieder effektiv in Erinnerung rufen. Meiner Meinung nach wird die Bedeutung des Mentaltrainings auch in der Akutmedizin (und nicht nur wie bisher im Sport) sehr an Bedeutung gewinnen und man kann sich eines erheblichen persönlichen Benefits gewiß sein. 

 

Dieser Vergleich ist jedoch sehr fachlich orientiert, da er die sogenannten „Human Factors“ sowie „Nontechnical-Skills“ ausblendet, die mir doch auch so sehr am Herzen liegen. Es braucht jedoch einen gut sowie solide gefüllten Karteikasten, damit man sich überhaupt auf die menschlichen Aspekte seiner Tätigkeit einlassen kann, daher besteht für mich schon ein eindeutiger Bezug. Früher war ich sehr auf die Ausstattung meines Karteikastens fixiert, da er noch spärlich gefüllt und der Umgang damit keine Routine darstellte. Nun komme ich langsam auf das Niveau, auf dem ich mich nicht mehr ängstlich an die Karten krallen brauche sondern auch den Blick über den Tellerrand hin zu den menschlichen Aspekten wagen kann.

 

Als praktisches Beispiel hier mal „rein zufällig“ ein paar Einsatzsituationen, wie man sie in einem einzigen Dienst erleben kann:

 

1.)  Kinderreanimation nach Ertrinkungsunfall: Also Verknüpfung dieser beiden Karten. Seltenes, schwerwiegendes sowie potentiell belastendes Ereignis, so dass eine „innere Richtschnur“ essentiell ist. Wie war es noch einmal mit der Hypothermie? Was erwartet mich nach einem Süßwasser-Ertrinkungsunfall pulmonal im Verlauf? Welche Dosierungen und Größen braucht ein Kind mit x Jahren?

2.)  Schenkelhalsfraktur: Routine, schon oft abgearbeitet, aber wie wird man ganz individuell diesem Patienten mit seiner Vorgeschichte und Bedürfnissen gerecht?

3.)  Verbrennungsunfall: Die Aufregung vor Ort machen es nicht leicht sich die Fakts in Erinnerung zu rufen – Indikation Verbrennungszentrum, Ausdehnung und Tiefe, Infusionsmenge, Kühlung ja/nein, Zeichen und Umgang mit einem Inhalationstraumas, Indikation zur Intubation....

4.)  Verlegung NSTEMI: Oder doch nur eine Laborente? Differentialdiagnostische Gründe für eine Troponinerhöhung? Was ist der Patientenwille? Bahnung des weiteren Procederes...

5.)  Unklare Bewußtlosigkeit eines Erwachsenen: Plötzlich bewußtlos zusammengebrochen und gestürzt. SHT vs. SAB? Andere DD? Indikation zur Intubation? Wie gehen wir nochmal mit einer hypertensiven Entgleisung beim neurologischen Notfall um?

6.)  Allergische Reaktion nach Bienenstich im Pharynx: Stadien bzw. Schweregrade der allergischen Reaktion? Medikamentöse Möglichkeiten? Indikation zur Intubation? Wie würde man eine Koniotomie machen?

7.)  Unklare Bewußtlosigkeit beim Kind: Kopfschmerzen, Blickdeviation, fokale Krampfanfälle, Vigilanzminderung... Ursache? Indikation zur Intubation? Welche Dosierungen und Größen braucht ein Kind mit x Jahren? Mögliche Zielkliniken?

8.)  Verlegung infrarenales Bauchaortenaneurysma nicht disseziert: Bedrohlichkeit? Therapieoptionen mittelfristig? Blutdruck senken ja/nein? Richtige Zielklinik?...

 

Bin mir aber sicher, im nächsten Dienst werden wieder andere Karten gebraucht, genau dies ist für mich der Reiz und die Herausforderung an der Notfallmedizin!

 

Und ihr fragt mich noch, warum meine Tätigkeit meine Passion ist?