An und über seine Grenzen gehen

Angelehnt an meinen letzten Beitrag "Sport als wichtiger Baustein der allgemeinen Performance" möchte ich nun auf den Aspekt eingehen an und über seine Grenzen hinweg zu gehen.

Bevor ich mit meiner bescheidenen Geschichte loslege möchte ich erstmal eine kritische grundsätzliche Frage stellen: Was soll das überhaupt? Jeder kann doch froh sein, wenn man nicht an seine Grenzen gehen muss. Warum muss man alles ausreizen? Ist es physisch wie psychisch schädlich?

Diese und andere kritische Fragen lasse ich gelten und kann sie nur für mich persönlich beantworten. Jeder muss dies für sich selbst entscheiden und ich vernachlässige zugegebenermaßen auch die Tatsache, dass es unzählige unterschiedliche Arten von persönlichen Grenzen gibt.

Häufig habe ich mich schon mit solchen Grenzerfahrungen anderer Menschen beschäftigt, es gibt ja unzählige Bücher, Filme etc. dafür. Dabei ist die Geschichte häufig gleich: Jemand ist und wird benachteiligt, es kommt dann zur Erkenntnis, der eine harte Arbeitsphase folgt und schließlich wächst der Protagonist über sich hinaus, was alle Leser/Zuschauer tief beeindruckt. Man weiß dann häufig nicht, wie authentisch alles ist und welchen Zweck der Protagonist wirklich damit verfolgt hat. Daher denke ich, dass man diese Berichte immer unter einem gewissen Vorbehalt und mit Einschränkungen sehen muss. Ich persönlich höre und sehe mir diese Berichte gerne an und versuche mir dann aber in einer gewissen Metaebene eine eigene Meinung zu bilden. Lernen kann man so oder so immer etwas.

 

Beispielsweise möchte ich auf die Geschichte von David Goggins und Gela Allmann eingehen:

David Goggins entwickelte sich vom fettleibigen jungen Mann aus schlechtem Hause/Umgebung über die Ausbildung zum Navy Seal hin zum Extremsportler und weltweit gefragten Motivationsredner. Zusammengefaßt hat er seine Denkweise im Buch "Can't hurt me", aber auch auf YouTube gibt es unzählige Videos von ihm.

Eine Geschichte, die mich sehr berührt und beeindruckt hat ist die von Gela Allmann, einer jungen Sportlerin, welche auf Island ein schweres Polytrauma erlitten hat und sich jahrelang zurück ins Leben kämpfen mußte. Auch ihr Buch "Sturz in die Tiefe" kann ich absolut empfehlen.

Hier werden im Rahmen der Lebensgeschichte mehrfach scheinbar unüberwindbare Grenzen überwunden.

 

Gerade Ausdauersportler müssen auch oft (regelhaft) an ihre Grenzen gehen, hier sei annähernd tagesaktuell an den Sieg des Triathleten Jan Frodeno im "Tri Battle Royale" in neuer Fabel-Weltrekordzeit über die Langdistanz hingewiesen.

https://www.youtube.com/watch?v=WpqYOn53RLI

Die ARD hat auch passend zur Thematik eine Reportage über das Profileben von Radsprinter Andre Greipel veröffentlicht:

https://www.youtube.com/watch?v=BHzd_mdWwYQ

 

Und ich glaube Jedermann/-frau hat schon mal das Gefühl gehabt, dass man jetzt gerade und warum auch immer seine individuelle Grenze überschritten hat. Aber was vermag man denn wirklich zu leisten? Viele, nicht nur David Goggins, weisen dass wir regelhaft nur eine Minderheit (ca. 40 %) unserer eigentlichen Leistungsfähigkeit nutzen, auch wenn wir subjektiv der Meinung sind "Alles gegeben" zu haben. Ob es nun 40, 60 oder 80% sind, je nach Quelle, wir scheinen jedenfalls noch deutlich Ressourcen in uns zu tragen. Doch wissen wir zumeist nicht, wie man diese Reserven anzapfen kann, weil man doch denkt es ginge doch nicht mehr.

 

Ich möchte nun wahrlich nicht behaupten, dass ich durch die Teilnahme an einer einzigen Extremsportveranstaltung nun weiß wo meine Grenzen sind und wie ich sie verschieben kann. Das wäre toll...

 

Aber immerhin weiß ich nun was es bedeutet weit über den sonstigen Sportumfang hinaus zu gehen. Ich hatte  bisher weder einen Marathon absolviert noch über 3000m Höhenmeter an einem halben Tag bezwungen. Zudem ist mein innerer Schweinehund sehr aktiv und pfiffig, was bedeutet, dass ich schon gefährdet bin auch mal auf zu geben oder meine Pläne ab zu kürzen. Daher war der Sky Marathon Rosengarten-Tiers nun ideal für mich, denn einmal losgelaufen gab es eigentlich nur noch eine Abkürzungsmöglichkeit durch Abzweigung auf die 35km-Runde und somit Disqualifikation. Aber auch hier war ich sehr gespannt, wie ich mich wohl verhalte, wenn ich nach ca 25km und über 2000 Höhenmetern an einer verlockenden Kreuzung stehe mit der Möglichkeit schneller ins Ziel und somit Hotel zu kommen.

Kaum habe ich meine Teilnahme im Nachhinein publik gemacht, schon kam die Frage auf: Wie schafft man das? Meine blöde und naiv erscheinende Antwort war: "Du musst loslaufen und darfst einfach nicht aufhören ehe Du im Ziel bist." Diese Antwort will nur keiner hören, aber für mich war es tatsächlich so. Die Anmeldung ist mir leicht gefallen, tatsächlich dann am Start zu erscheinen dann schon nicht mehr so. Ich hatte die Hosen gestrichen voll, was ich mir da eingehandelt habe und gehörigen Respekt vor dem alpinen Gelände mit all seinen natürlichen Gefahren.

Natürlich habe ich vorab versucht mich über den Streckenverlauf kundig zu machen, hierzu gab es verschiedene Abbildungen und Animationen. Eine richtige alpine Karte lag mir jedoch nicht vor, so dass ich mir die Strecke schon ordentlich anders vorgestellt habe. Gerade wenn ich es mit der mir wohl bekannten Strecke des Seiseralm Halbmarathons vergleiche erscheint mir eine gute Streckenkenntnis schon wichtig - allerdings weiß ich nicht, ob ich dann im Rennverlauf wirklich etwas verändert hätte, nur einige Überraschungen wären mir erspart geblieben.

Ansonsten halte ich es mit dem Strassenkehrer Beppo, der seiner Freundin Momo rät nicht auf den gesamten vor sich liegenden Weg zu blicken sondern nur auf jeden einzelnen Besenstrich. Also nicht zu jammern wie lang/hoch der Anstieg ist und es noch über 16km bis zum Ziel sind, sondern immer nur bis zur nächsten Kehre. Und niemals wirklich stehen bleiben, langsam ist kein Problem, aber außer an den Verpflegungsstationen habe ich keine Pause eingelegt.

Im Nachhinein war ich dann aber schon von mir selbst überrascht, dass und wie ich es durchgezogen habe.

 

Wie gesagt, ich möchte nun wahrlich nicht behaupten ich würde nun meine tatsächlichen Grenzen kennen und könne sie beliebig verschieben. Aber mir fällt es nun viel leichter meinen inneren Schweinehund oder Dämonen (wie es im Englischen immer so schön heißt) in Schach zu halten. Wenn ich jetzt heftig schwitzend auf dem Spinning-Bike sitze und der spontane Gedanke aufkommt die Trittfrequenz oder den Widerstand etwas raus zu nehmen muss ich schon selbst über mich schmunzeln... ähnlich verhält es sich auch auf der Arbeit, wenn diese scheinbar nicht enden will bzw. nochmal eine Schippe drauf kommt.

Mir erscheint es unumgänglich und zugleich auch wichtig, dass man mittels Selbstdisziplin und etwas Härte zu sich selbst die Komfortzone mal verlässt. Bleibt man immer und zwingend in der Komfortzone, kann man sich nicht auf Herausforderungen einlassen und kommt nicht voran. Nur außerhalb des schützenden Rahmens reifen wir und entwickeln uns.

Und daher konnte ich aus dieser Veranstaltung einen Sack an Erfahrungsschätzen mitnehmen und werde noch lange davon zehren. Und Tag für Tag wächst die Vorfreude sich mal wieder bewußt und mit viel Lernwillen in diesen Grenzbereich zu bringen.

 

Ich kann nur empfehlen sich mal eine eigene Grenze vor zu nehmen, egal welcher Art, dies ist absolut individuell, persönlich und fast schon intim. Daher habe ich auch vorab nicht auf mein Projekt aufmerksam gemacht, ich wollte es erstmal für mich herausfinden und daraus lernen.

 

Ich hatte schon viel darüber gehört, nun habe ich es erfahren dürfen/müssen: Der größte Gegner ist man selbst, man kann ihn aber mit ein paar Kniffen erfolgreich bezwingen und als Sieger vom Feld gehen, was höchst befriedigend ist. Bitte nicht falsch verstehen, aber ich war beim Lauf wirklich auf mich selbst fokussiert, die anderen Läufer habe ich nur am Rande wahrgenommen. Dies möge man mir bitte nicht krumm nehmen, aber ich war mit mir und der Landschaft mehr als genug beschäftigt. Normalerweise beobachte ich gern andere Menschen und lerne von ihnen, aber hier wollte/musste ich mich sehr auf mich konzentrieren. Aber ich würde andere Menschen auch nie mit solchen Flüchen belegen wie mich selbst ;-) 

 

In diesem Sinne verbleibe ich mit einem Mantra von David Goggins: Stay hard!